Aktuelle Predigt

Die Macht des Gebets

„Jesus sagte ihnen ein Gleichnis darüber, dass sie allezeit beten und nicht nachlassen sollten, und sprach: Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen. Es war aber eine Witwe in derselben Stadt, die kam zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher! Und er wollte lange nicht. Danach aber dachte er bei sich selbst: Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte noch vor keinem Menschen scheue, will ich doch dieser Witwe, weil sie mir so viel Mühe macht, Recht schaffen, damit sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage. Da sprach der Herr: Hört, was der ungerechte Richter sagt! Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er's bei ihnen lange hinziehen? Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze.“ (Lk 18, 18)

Herr, segne du unser Reden und unser Hören. Amen.

Liebe Gemeinde,
fast alle tun es. Kinder tun es, zum Beispiel der kleine Dieter: „Lieber Gott! Mein kleiner Bruder ist vier Jahre alt. Bitte sorg doch dafür, dass er endlich aufhört, mich ständig zu ärgern. Sonst explodiere ich. Dein Freund Dieter.“ Von ihm ist noch ein anderes Gebet bekannt: „Lieber Gott, wenn du bestimmt hast, dass Kinder immer den Abfalleimer rausbringen müssen, dann ändere das bitte.“ Der Alltag lehrt beten.
 In Kirchen liegen oft Bücher aus, in die man Wünsche schreiben kann. Gerade auch jetzt in der CoronaZeit. Menschen schreiben sich dort vom Herzen, was sie bewegt. Ein junger Mann: "Ich bitte für meinen Papa, der letzte Woche verstorben ist. Unser Verhältnis war nicht einfach. Aber ich möchte ihm danken, dass ich durch ihn das Leben erhalten habe und meine Kinder und Enkelkinder. Ich hoffe, dass er bei dir seinen Frieden findet." Oder eine Schülerin: "Lieber Gott, nicht zur Schule gehen zu müssen, habe ich mir früher oft gewünscht. Aber jetzt ist es langweilig. Ich möchte meine Freunde wiedersehen. Bitte mach, dass es allen gutgeht." Das Leben lehrt beten.

Fast alle tun es. Auch die, in deren Leben Kirche eigentlich nicht vorgesehen war. Claudia Rusch zum Beispiel. Sie hat in einem Buch Erinnerungen an ihre „freie deutsche Jugend“ beschrieben. Nein, sagt sie, mit 14 habe sie auf Taufe und Konfirmation verzichtet. Dann lieber Jugendweihe. Warum? Naja, sagt sie, sie habe dann doch lieber Erich Honecker belogen als den da oben. Jahre später saß sie im Flugzeug nach England. Der Flieger geriet über dem Meer in schweres Wetter. Selbst die Stewardessen wurden hektisch und schrien die Passagiere an. Claudia Rusch saß auf ihrem Platz und dachte: So, das war es also oder nicht. Du kannst nichts mehr tun. Außer zu beten. Also hat sie gebetet. Sie hat Gott versprochen: Wenn du mich hier heil raus bringst, dann zünde ich jeden Monat eine Kerze für dich an. Sie sind dann heil gelandet. Das mit den Kerzen hat sie doch nur zweimal gemacht. Sie schreibt: Naja, so gut kenn ich ihn halt nicht. Aber Not lehrt beten.
Kinder tun es, Menschen wie du und ich tun es: Sie beten. Sie schütten ihr Herz aus vor einem, den sie nicht sehen. Sie erhoffen sich irgendwie Hilfe, besonders wenn es nicht mehr weiter geht. Sie reden sich alles mal von der Seele und wünschen sich, dass einer zuhört. Ganz sicher sind sie nicht, aber sie tun es trotzdem, manche öfter, manche nur selten, manche offen, viele versteckt, es wäre ihnen peinlich, wenn andere das wüssten. Aber sie tun es, im Alltag, im Glück und in der Not. Sie haben das Gefühl: „Die Bitte ist eine große, starke Sache.“

Das dachte auch die kleine Frau, von der Jesus erzählt. Sie war schlecht dran. Sie war eine Witwe, sie war arm, sie war allein und sie hatte niemanden, der sich für sie einsetzte. Irgendein Fiesling machte ihr das Leben schwer. Vielleicht ein Nachbar, der auf ihr kleines Grundstück aus war. Sie tat, was ihr blieb: Sie wandte sich an den Richter in der kleinen Stadt. Aber auch der half ihr nicht. Er war ein rechter Richter Gnadenlos und scherte sich weder um Gott noch um seine Mitmenschen. Er hörte der Witwe kaum zu und wies sie hart ab. Da stand sie nun: brotlos, schutzlos, rechtlos. Hier ein mächtiger Mann, der das Recht mit Füßen tritt, dort eine kleine, schutzlose Frau.
Jetzt könnte die Geschichte zuende sein, ist sie aber nicht. Unsere kleine Witwe lässt sich nämlich nicht abweisen. Sie hat keine Chance, und die nutzt sie: Sie schreibt Briefe. Sie wartet vor dem Haus des Richters. Sie läuft ihm nach. Sie klebt an ihm wie eine Klette. Sie ist eine rechte Mutter Courage, eine antike Inge Meysel: hartnäckig, mit einem großen Herzen. Die Bitte, so denkt sie, ist eine große, starke Sache. Und irgendwann wird es selbst diesem kaltblütigen Juristen zuviel: Oh Mann, diese Nervensäge krieg’ ich nicht los. Entweder ich tue, was sie will, oder sie verpasst mir eines Tages ein blaues Auge. Und endlich tut er seine Pflicht und sie bekommt, was ihr zusteht.
 Und die Moral von der Geschicht’? Jesus erzählt diese Geschichte, um zu zeigen, wie wichtig es ist, Gott unermüdlich um alles zu bitten. Die Bitte ist eine große, starke Sache. Um das zu verdeutlichen, vergleicht Jesus Gott mit diesem Richter Gnadenlos. Doch der Vergleich hinkt. Denn vielleicht denkst du so: Beten, ja, beten werde ich wohl immer wieder einmal, aber es ist gar nicht so einfach, bei dem Alten da oben etwas herauszuschlagen. So leicht ist er nicht zu überzeugen. Und außerdem bin ich vor Gott doch nichts anderes als diese Witwe: klein, unwichtig und rechtlos. Interessiert er sich eigentlich für mich? Gott! Er hat ein Universum zu regieren und muss die Engel bei Laune halten, wie soll er sich da auch noch um mich kümmern, eine Person unter Milliarden? Da muss man schon lange quengeln und lange genug an die Tür hämmern, bis er sie – vielleicht – mal einen Millimeter öffnet.

So denken viele Menschen übers Beten. Aber so, liebe Gemeinde, hat Jesus die Geschichte nicht erzählt. Die Geschichte funktioniert nicht nach dem Schema: „Wie hier –so auch dort“. Wie bei dem Richter – so bei Gott. Man muss die Geschichte anders lesen, nämlich so: „Wenn schon hier – um wie viel mehr erst da“! Wenn schon ein ungerechter Richter sich erweichen lässt, wie viel mehr dann Gott, der gerecht ist? Der Unterschied, sagt Jesus, liegt in deiner Stellung. Deine Stellung vor Gott ist ein ander als die der Witwe vor dem Richter. Du bist nicht Bittsteller! Gottes Liebling bist du und sollst Gottes Kind heißen. Und darum hat Gott nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem Richter in der Geschichte. Der Richter war ungerecht, herzlos, respektlos, nur auf eigenen Vorteil bedacht. Gott ist gerecht, entgegenkommend und mitfühlend. Die Witwe war eine lästige Kundin, du aber bist Gottes Herzensangelegenheit!

Dazu lese ich noch einmal den Kernvers aus dem Psalm, den wir vorhin gebetet haben: „Der Herr führt mich hinaus ins Weite, er rettet mich, denn er hat Lust zu mir.“ Der Herr hat Gefallen an dir. Du gefällst Gott. Das ist der Grund, warum er auf dich hört. Nicht weil du ein guter Mensch bist oder gute Werke vollbringst. Wenn das so wäre, dann würde Gott dich fallen lassen, sobald du dich im Ton vergreifst oder nachlässt, Gutes zu tun. So funktioniert Liebe aber nicht. Bei uns Menschen nicht, und erst recht nicht bei Gott. Gott hört dir zu, weil er dich mag. Er hat dich gerne in seiner Nähe. Er findet, dass du so ziemlich das Beste ist, was ihm seit langem über den Weg gelaufen ist. „Wie sich ein Bräutigam freut über die Braut“, so schreibt Jesaja, „so wird sich dein Gott freuen über dich.“

Darum ist das beim Gebet nicht so, als müssten wir Gott bearbeiten, bis er uns etwas gibt. Es macht Gott Spaß, uns zu beschenken. Gott braucht auch viele Wiederholungen nicht. „Er wird euch Recht schaffen in Kürze“, wie Jesus sagt. Das dauernde Anklopfen, das beharrliche Gebet, das immer wieder eine bestimmte Sache vor Gott bringt – Gott braucht es nicht. Jesus hat sogar gesagt, dass euer himmlischer Vater schon weiß, was ihr braucht, bevor ihr es gesagt habt. Gott braucht die Erinnerung nicht. Er weiß, was läuft. Er weiß, was du brauchst, was du fühlst, wonach du dich sehnst. Denn er ist ja immer bei dir. Darum braucht er dein Gebet nicht als Information, was du denn gerne von ihm hättest.
Warum dann? Warum sollen wir dann überhaupt beten? Weil Gott ein Zeichen von uns möchte, dass wir an ihn denken. Dass wir an ihn glauben. Es ist ein weit verbreitetes Missverständnis über das Beten, dass man denkt, Beten sei eine Informationsübermittlung. He, Gott, schau doch mal her, siehst du nicht, was hier passiert? Mir geht es schlecht, oder dem, den ich liebe, geht es schlecht, hilf doch! Aber wenn Gott das alles schon vorher weiß, dann kann es ja nicht um die bloße Übermittlung der Sache, des Anliegens, gehen. Das Wichtige ist nicht die Sache, das Wichtige bist du. Du veränderst dich nämlich, wenn du betest. Man kann sich das bildich vorstellen: Du drehst dich von der Sache weg, die dich drückt, und wendest dich Gott zu. Um dieses Hinwenden zu Gott geht es. Es ist das Zeichen, das er von dir will. Das Zeichen, dass du ihm vertraust. Und es ist dann nicht mehr wichtig, mit welchen Worten du betest, ob du überhaupt mit Worten betest. Die Worte helfen nur uns, das auszudrücken, was uns bewegt. Gott braucht die Worte nicht. Äußerlichkeiten, eine besondere Körperhaltung zum Gebet, eine Handhaltung, bestimmte vorformulierte Worte, sogar bestimmte Gebetszeiten am Tag – all das ist gut und hilfreich, aber Gott braucht es nicht. Wir brauchen es. Denn es hilft uns, unsere Gedanken und Gefühle auf ihn auszurichten.

Oft ist ja schon dieses Ausrichten, diese Hinwendung zu Gott genug, dass du ruhiger wirst. Dass du das Problem klarer siehst. Du spürst Gottes Nähe und fühlst dich sicherer, weil du weißt, deine Anliegen sind an der richtigen Stelle gelandet. Wie Gott nun auf dein Gebet antwortet, wie er es erhört, ob deine Bitten in Erfüllung gehen, das weißt du nicht, du kannst dem aber jetzt ruhiger entgegen sehen. Ich bin sicher, dass Gott sich bewegen lässt, Dinge hier auf Erden anders laufen zu lassen, wenn wir ihn nur darum bitten. Er kann Menschen gesund werden lassen, die krank sind, er kann Menschen glücklich werden lassen, er kann machen, dass Menschen wieder zueinander finden. Nur können wir nicht immer im Voraus wissen, wie er sich das denkt und wie er auf unsere Bitten eingeht. Manchmal hat Gott andere Wege für uns bereit. Gott schenke uns, dass wir seine Wege mit uns erkennen, er schenke uns Entschlossenheit beim Bitten und Gelassenheit beim Warten auf die Antwort. Gott segne unser Reden und unser Hören. Amen.

 

Jan Freiwald, 6.9.2020