Aktuelle Predigt

1. Advent

"Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist: »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Die Liebe tut dem Nächsten nichts Bö-ses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, als wir gläubig wurden. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. " (Röm 13,8-12)

Liebe Gemeinde,
„Advent, Advent, die Mutter rennt …“, so titelte der SPIEGEL letzte Woche zum Trubel in der Adventszeit, und so heißt auch ein bekanntes Buch mit modernen Weihnachtsgeschichten zum Nachdenken und Schmunzeln. Gar nicht zum Schmunzeln ist, was ein Kommentator zu den Auswüchsen des Weihnachtskaufrausches schreibt, Zi-tat: „Was ich wirklich nicht verstehe, ist dieses: Wenn eine Gesellschaft denn wirklich ihre religiösen Wurzeln vergessen will: Warum wählt sie sich zum irrwitzigen Höhe-punkt dieses Tanzes um das goldene Kalb ausgerechnet ein christliches Fest? Und das angesichts der Tatsache, dass dieses Fest – Christi Geburt! – an eine Nacht erinnert, in der die unmittelbar Beteiligten weder ein richtiges Dach über dem Kopf hatten noch sonst über das verfügen konnten, was hierzulande selbst die Sozialhilfeempfänger be-anspruchen können. Aber so sind halt unsere Materialisten: Ganz ohne Religion rollt der Rubel nicht. Auch wenn sie zu diesem Behufe zum Götzendienst pervertiert wer-den muss.“


Da, liebe Gemeinde, hat mal einer Klartext geredet. Was auch angebracht ist am ersten Advent, wo wir uns wie alle Jahre wieder darauf vorbereiten, ein Weihnachtsfest zu feiern. Und das können wir Christen nicht ohne Licht. Nicht ohne das Licht des Verstandes, der wahrnimmt, dass wir in einer Gesellschaft leben, die ihre christlichen Wurzeln vergessen will und der die Geburt Christi gerade noch recht ist, um das Geschäft anzukurbeln. Und wir können es nicht ohne das Licht des Wortes Gottes, das uns hilft, uns gerade in einer solchen Gesellschaft auf unsere Wurzeln zu besinnen.


Denn ohne Verbindung zu den Wurzeln verkümmert jedes Gewächs. Der Apostel Paulus hält uns darum heute die Gebote Gottes vor, und zwar die zweite Tafel, die das Miteinander der Menschen betrifft. Unsere Zeiten sind nun allerdings so, dass wir auch die erste Tafel nicht vergessen wollen, auf der steht, dass wir Gott über alle Din-ge fürchten, lieben und vertrauen sollen. Gerade in der Adventszeit merken wir den Unterschied zwischen dem, was Gott will, und dem, was wir tun. Und zwar so stark, dass es weh tut. Unübersehbar und höhnisch ist der Unterschied zwischen dem Tanz ums goldene Kalb in den Glitzerwelten der Schaufenster und der allüberall herrschen-den bitteren Armut. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon, wird das Kind in der Krippe später sagen und damit auch andeuten, dass die ärmlichen Umstände seiner Geburt weiß Gott kein Zufall waren. Sie waren Programm! Nichts wert ist unsere Glitzerwelt, sagt das Krippenkind, also hängt euer Herz nicht an sie! Tja, nur anschei-nend will das keiner hören, auch nicht heute. Im Gegenteil, gerade in der Adventszeit wird aus Wirtschaftskreisen alle Jahre wieder zum Angriff auf den Sonntag geblasen. Gott kommt zur Welt und seine Konkurrenz schläft nicht, um Geschäfte mit ihm zu machen.


Schlafen sollen auch wir nicht, liebe Gemeinde, damit wir die Zeit erkennen. Böse Zeit, finstere Zeit, in der die Geschäftsinteressen der Autoindustrie immer noch wich-tiger sind als Gedanken zum Umweltschutz. In der die Regierenden alle Monate zit-tern vor den neuen Zahlen vom Arbeitsmarkt. In der der Silberstreif am Horizont vom Ifo-Institut verkündet wird. In der unser Heil abhängt vom Geschäftsklimaindex und den Wachstumszahlen. Böse Zeit, finstere Zeit, in der die Kirche ihren Horizont be-stimmt anhand von Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung, die allenthalben eine düstere Zukunft vorhersagen. Böse Zeit, finstere Zeit, in der darum gestritten wird, welches Land und welche Stadt wie viele Flüchtlinge aufnehmen muss, damit ja kei-ner zu viele abbekommt. Böse Zeit, in der zwar die Geldströme entfesselt und globalisiert um die Erde jagen, aber garantiert nicht dorthin kommen, wo das Elend voll-kommen ist. Wer möchte nicht lieber schlafen, um gerade diese Zeit nicht erkennen zu müssen?


Darum hört heute am ersten Advent von einer anderen Zeit! Von einem anderen Kairos, von einem anderen entscheidenden Augenblick: Nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu jener Zeit. Gott selbst kommt wie der Tag nach einer langen Nacht. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. Gute Zeit, helle Zeit. Es ist Gott selbst, der sich auf den Weg hinunter auf unsere dunkle Erde macht, um aller Finsternis zum Trotz seine Weihnachtslichter anzuzünden und um sich selbst denen, die ihn so geschäftig vergessen wollen, in Erinnerung zu rufen.


Diesem Kairos, diesem entscheidenden Augenblick, gilt in der Adventszeit unsere ganze Aufmerksamkeit. Weil er kommt, führt uns jeder dunkle Tag näher hin auf das kommende Heil. So ist die Adventszeit ein Bild für unser ganzes Leben: Auf dem Weg durch die Nacht dem Morgen entgegen. „Meine Seele wartet auf den Herrn, mehr als die Wächter auf den Morgen“, seufzt der Verfasser des 130. Psalms. Aber da ist er schon ein adventlicher Mensch geworden und kein Nachtwächter mehr, sondern ein Wächter des Morgens.


Nachtwächter haben nur eine Sorge: Dass bei ihnen der Ofen und das Licht ausge-hen könnten. Und darum sind wir auch zumeist eine Nation von Nachtwächtern: Jeder schaut darauf, dass bei ihm das Licht nicht ausgeht. Der Wächter des Morgens hat sol-che Sorgen nicht, weil er weiß, dass es bald Wärme und Licht in Hülle und Fülle gibt. In diesem Licht wird er den Schein seiner eigenen Laterne gar nicht mehr sehen. Es wird überstrahlt, was er vorher für seinen Halt und seine Rettung hielt.
Und wir verstehen, wie Paulus darum angesichts des kommenden Morgens zur Lie-be mahnt, zu „Brot für die Welt“ und zur Abkehr von der Sorge, dass bei mir das Licht ausgehen könnte. Ja die einzig logische Reaktion auf die Botschaft vom Advent Gottes ist die Liebe, die von der Fülle des kommenden Heils austeilt. Denn die eigene Laterne: sie ist in Kürze überhaupt nichts mehr wert! Nutzlos im hellen Licht des Morgens. Aber jetzt eignet sie sich noch zum Verschenken. Jetzt kann dem andern noch ein Licht angezündet werden. Denn er ist wie du! Hin und her gerissen zwischen der Angst um das eigene Licht und der Hoffnung auf den kommenden Morgen; zwischen dem Gott, der die gute Zukunft der Welt ist und dem Götzen Geld und Konsum, der sich für die gute Zukunft der Welt hält, zwischen dem Silberstreif, den das Ifo-Institut verkündet und Botschaft vom Advent des Weihnachtslichts.


Längst haben die „Ich-bin-doch-nicht-blöd“-Prediger ihre eigene Blödheit begriffen. Wer nur auf den eigenen Vorteil schaut, hat nichts zu verschenken. Wer hoffnungslos ist, hat nichts zu verschenken. Wer Angst hat, hat nichts zu verschenken. Ein Volk von Nachtwächtern hat nichts zu verschenken. Erkennen wir die Zeit! Die „Mutter aller Schnäppchen“ oder den „Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes“. Beiden kann man nicht gleichzeitig hinterher. Beide haben nichts miteinander zu tun. Die eine will an dein Geld und der andere will sich verschenken. Die eine macht ihren Laden um 20 Uhr dicht und der andere will mit dir durch die Nacht. Und dir zeigen, wie man vom Nachtwächter zum Wächter des Morgens wird. Zu einem Menschen, bei dem Hoffnung und Liebe wieder Konjunktur haben; der in seinen Tüten auch Brot für die Welt hat und Waffen aus Licht, vor denen jede Finsternis flieht.

 

Jan Freiwald, 1.12.2019