Aktuelle Predigt

Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte: So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusa-lem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohl-geht, so geht's auch euch wohl. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen. (Jer 29,1.4-7.13f)

Liebe Schwestern und Brüder, ein Philosoph sagte in den letzten Tagen vor der Jahrtausendwende: „Nie wussten wir so wenig von der Zukunft wie heute!“ Wir können diesen Satz nach zwanzig Jahren neuem Jahrtausend getrost auch auf unsere Tage übertragen: Nie wussten wir so wenig von der Zukunft wie heute. Nicht dass man früher mehr gewußt hätte, denn in die Zukunft schauen konnte man noch nie. Aber früher gab es die großen Erzählungen. Die Utopien, die den Menschen Orientierung gaben, und die auch die Zukunft ausmalten: So würde es sein, wenn man nur das und das tun würde. Es waren zwar alles Täuschungen, und wie wir im Nachhinein wissen, zumeist Instrumente der Mächtigen zur Manipulation und Unterdrückung, aber sie gaben den Menschen zumindest in einem kleinen Rahmen Orientierung im weiten und wilden Meer der Zeit. Sie sind alle untergegangen. Die letzte ihrer Art war die Utopie von der klassenlosen und sozialistischen Gesellschaft. Gott sei Dank war deren Untergang nicht mit Millionen von Toten verbunden, wie 40 Jahre zuvor das Ende des 3. Reiches in Schutt und Asche.


Und so verstehen wir zumindest, warum noch heute Menschen unter uns der einen oder der anderen Utopie nachtrauern, gegen besseres Wissen und in vollem Bewusstsein der durch diese Ideen angerichteten Verbrechen und der körperlichen und geistigen Deformation unzähliger Menschen. Da schwenken Leute Reichsfahnen und hängen sich Hitlerbilder übers Bett, brüllen Parolen und schwören ewige völkische Treue, und die Jugendweihe boomt wie zu Erichs Zeiten. Denn alle wissen oder ahnen es zumindest: Wenn der letzte Spuk all dieser Utopien verraucht ist, tritt an ihre Stelle - nichts! Die ewig Gestrigen wollen deshalb lieber von gestern sein, als vor einer ungewissen Zukunft stehen. Lieber im Gestern daheim, als in der Zukunft obdachlos. Und so wird es sie wohl auch in Zukunft immer geben, diese irrationalen Denkmuster, die Rückzugsorte, an denen längst vergangene Geschichte gepflegt und - das gehört dazu - alter Haß geschürt wird. Fundamentalisten aller Länder werden sie notfalls mit Gewalt verteidigen.

Auch die Juden zu Zeiten des Jeremia hätten die Stätten ihrer Geschichte und erst recht ihre Heiligen Stätten, ihren Tempel zu Jerusalem gern bis zum Letzten vertei-digt. Dabei gab es nur ein kleines Problem: Der Tempel stand immer noch in Jerusa-lem, aber die Juden befanden sich seit Jahren im fernen Babylonien, verschleppt und entwurzelt, weit weg von Daheim. Kein anderes Volk der Erde ist wie das Gottesvolk im Laufe seiner langen Geschichte so oft weggefegt und verstreut worden, befand sich von einem Jahr zum anderen auf hoher See und ist dennoch nicht untergegangen. Es hat dazu nicht einmal die Rückzugsorte eines religiösen Nationalismus gebraucht, wenn es sie leider auch gibt im heutigen Israel. Viele Juden sind damals aus Babylonien und 1949 aus aller Welt nicht in ihr Heiliges Land zurückgekehrt. Sie sind ein kosmopolitisches Volk geblieben, von dessen Leistungen viele Länder und Nationen profitiert haben.

Warum es überlebt hat? Das Geheimnis dahinter leuchtet in diesem Satz des Jeremia auf. Es gibt Antwort auf die Frage, was zu hoffen ist, wenn die Vergangenheit im Ne-bel der Geschichte versinkt, die Verbindungen zu den alten Heiligtümern gekappt und die Zukunft ein einziger offener Ozean ist. Gott spricht: Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen. Egal wo, egal wann! Der Glaube darf unabhängig sein von heiligen Stätten und Traditionen, von Sprache und Nation. Auf der Reise durch die Welt und die Zeit wird sich Gott finden lassen, zu jeder Zeit und überall. Egal wo, egal wann.

Wenn also Werte wegbrechen, Traditionen untergehen, gewohnte Geländer zerbrö-seln, wenn es uns verschlägt in das unbekannte Land Zukunft, dann ist das kein Grund zur Panik. Auch nicht jetzt in diesem in jeder Hinsicht so verwirrenden Jahr. Ja vielleicht ist das die Chance auch für uns, die Wahrheit der Verheißung aus dem Buch des Propheten neu zu entdecken. Komme, was kommen soll, wir werden nicht ohne Gott und gottlos sein. Im Gegenteil!
Was soll also der Kampf um den Erhalt dessen, was war? Das ist vergebliche Mühe. Mit unseren Traditionen geht der Glaube nicht unter. Was soll die panische Sorge um unsere Identität? Keinem bleibt seine Gestalt, auch nicht der Kirche. Gott bleibt. Und er wird sich finden lassen!

Besonders, liebe Schwestern und Brüder, besonders von beherzten Menschen. Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, dann will ich mich von euch finden las-sen. Kirche ist Gemeinschaft der Glaubenden. Und Glaube ist in erster Linie und vor allem eine Angelegenheit des Herzens. Und dann kommt lange nichts. Und das ist ei-gentlich schon der Schlüssel gegen die Angst und für eine hoffnungsvolle Zukunft. Denn wenn wir schon verschiedene Überzeugungen haben, verschiedene Lebensent-würfe, verschiedene Moralvorstellungen, verschiedene Geschichte, verschiedene Le-benserfahrung - unsere Herzen können trotzdem Gemeinschaft unter uns stiften. Wenn Herzen zusammenfinden, werden Abgründe überbrückt, werden alle Unterschiede zweitrangig. Davon erzählen selbst noch drittklassige Liebesgeschichten.

Keine Einheit der Gemeinde, der Kirche, der weltweiten Christenheit ohne beherzte Menschen. Kein sozialer Friede, kein Friede in der Gesellschaft und der Gemeinschaft der Völker ohne beherzte Menschen. Wir brauchen für die Zukunft keine Aussitzer, keine Bedenkenträger, keine Besitzstandswahrer, keine Interessenvertreter, sondern beherzte Menschen. Ihnen gehört die Zukunft, nicht weil sie besonders stark und mu-tig wären, sondern weil Gott ihre Gebete erhört.

Denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, will ich mich von euch fin-den lassen. Herzensgebete gehen immer in Erfüllung. Immer! Schwierig ist, das Gebet des Herzens zu finden. Denn meistens betet statt des Herzens unser Ego, unser Verstand, unsere Angst, unser Neid, unsere Hoffnungslosigkeit. Leider finden und spüren wir unser Herz oft erst dann, wenn es krank wird und weh tut. Ach ja, das Herz, Anteil am Leben, am Urgrund alles Lebendigen! Aus Sternenstaub gemacht, voll mit der Geschichte von Milliarden von Jahren. Noch hallt in ihm das erste Wort Gottes nach: Es werde Licht! Gottes Atem hat es zum Schlagen gebracht und es ist unruhig unterwegs, um wieder Ruhe zu finden in ihm. Das Herz ist uns so nah und doch meistens unendlich fern, so wie Gott selbst.

Und darum dürfen und müssen wir der frohen Botschaft des Propheten Jeremia noch eine weitere frohe Botschaft hinzufügen: Das Evangelium von Jesus Christus. Ver-spricht uns Jeremia, dass beherzte Menschen Gott finden, immer und überall, dann verspricht uns das Evangelium, dass der beherzte Gott uns Menschen sucht und findet, immer und überall. Nicht nur unser Herz ist zu ihm unterwegs, sondern auch das Herz Gottes ist zu uns unterwegs. An Weihnachten kommt es im Stall von Bethlehem zur Welt, um zu suchen und zu finden, was verloren ist. Denn leider findet unser Herz nicht von alleine nach Hause. Gott kommt zur Welt, um es nach Hause zu bringen, auch durch finstere Täler hindurch, durch Schicksal und Schuld und Tod.

Die Freude darüber – und nichts anderes ist der Glaube – bringt sogar versteinerte Herzen wieder zum Schlagen. Der Christus, hat Paulus begriffen, ist wie der zweite Schöpfungsatem Gottes, der auch die verlorenen und abgestorbenen Herzen zu neuem Leben erweckt. Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Und wir sehen dar-in, dass das Erlösungshandeln Gottes weniger unseren Verstand, unsere Moral, unsere Leistung im Blick hat, sondern vor allem unser Herz, in dem alles endet und beginnt. Denn als beherzte Menschen kann uns keine Zukunft schrecken. Denn das Herz ist der Kompass, der seinen Weg findet.

 

Jan Freiwald, 1.11.2020