Aktuelle Predigt

„Da sprach Jesus zu seinen Jüngern: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. Wer sich an sein Leben klammert, der wird es verlieren. Wer aber sein Leben für Gott einsetzt, der wird es für immer gewinnen. Was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und nimmt Schaden an seiner Seele?“ (Mt 16, 24-26)

Liebe Gemeinde,
hassen Sie es auch, wenn man Sie daran erinnert? Die Ehefrau: Schau an, schon wieder ein graues Haar! Oder der Friseur: Na, hier oben wird es aber langsam ein bißchen dünn! Das nächste Mal, wenn Sie kommen, schauen wir mal, was sich machen läßt. Oder Sie bekommen die Einladung: Du bist herzlich zum vierzigjährigen Klassentreffen eingeladen. Oder Ihre Kinder: Sag mal, Papa, wer waren eigentlich die Beatles? Oder der Arzt sagt: Es ist nichts Schlimmes. Das ist ganz normal, wenn man in die Jahre kommt.
Das Alter rückt heran. Die ersten Seiten des letzten Kapitels. Ein goldgelber Fleck erscheint auf den grünen Blättern Ihres Lebens, und Sie müssen der Tatsache in die Augen sehen, daß Sie älter werden. Auch wenn Sie Witze darüber machen: Alt ist man, wenn man die Zähne in ein Steak gräbt, und sie bleiben darin stecken – es lacht doch nicht jeder mit. Besonders der nicht, dem man eingehämmert hat, was für ein Schatz die Jugend doch ist.
Ach ja, die Jugend. Jahrzehntelang hast du dir über alles mögliche Gedanken ge-macht, nur nicht darüber, daß du älter wirst. Eins schien dir immer sicher, und das war deine Jugend. Du konntest essen wie ein Scheunendrescher und sahst trotzdem gut aus. Alle Lehrer in der Schule waren älter als du. Die Sportprofis waren ungefähr so alt wie dein älterer Bruder. Das Leben war eine endlose Straße, und der Tod schien Tausende von Jahren entfernt. Doch dann kamen sie, die leisen Botschaften der Sterb-lichkeit: Du schließt eine Lebensversicherung ab, und sie enthält eine Klausel über Beerdigungskosten. Deine Freunde fragen dich beim Autofahren, warum du deine Augen zusammenkneifst, wenn du die Straßenschilder liest. Jemand fragt dich nach einem bestimmten Ereignis, und du überlegst: Ach ja, das war vor zwanzig oder drei-ßig Jahren.
Erst sind es nur einzelne Regentropfen, die auf das Aquarell deiner ewigen Jugend fallen. Doch im Lauf der Zeit werden die Regentropfen größer und fallen dichter. Morgens, wenn du aufwachst, tut dir alles weh. Und was nicht weh tut, funktioniert auch nicht mehr so recht. Deine Eltern fangen an, sich wie kleine Kinder zu beneh-men. Die Lachfalten gehen auch dann nicht mehr weg, wenn du aufhörst zu lachen. Und das geht immer schneller: Aus dem Regen wird ein Sturm, die Kraft wird immer weniger, der Akku ist leer. Eine Brille für Kurz- und Weitsicht und so weiter.
Und Leugnen ist zwecklos. Keiner hat bisher den Jungbrunnen gefunden. Aber nach ihm suchen, das kann man ja mal. Also werden Hanteln gestemmt, graue Haare wie-der schwarz gefärbt, oder besser noch: blond. Der Wagen wird in Zahlung gegeben und stattdessen ein Geländefahrzeug mit Allradantrieb gekauft, so ein richtiges Mons-ter, das vor Kraft strotzt. Wofür eigentlich, wir haben doch geteerte Straßen? Alles wird geliftet, Gesicht, Kinn, Busen. Aber es hilft nichts, der Kalender geht weiter. Die Uhr tickt. Unser Körper wird älter. Warum tun wir uns nur so schwer, das einzusehen? Warum jagt uns jeder Geburtstag einen Schauer über den Rücken: Meine Zeit, schon wieder ein Jahr herum? Du liebe Güte, plötzlich sind alle Kinder aus der Schule, oder alle Enkel konfirmiert!
Unsere Angst vor dem Altwerden hat etwas mit unseren Lebenszielen zu tun. Wenn es dein Ziel ist, jung und schön zu sein (und das wollen wir doch alle?), wenn das dein Ziel ist, dann muss dich das Älterwerden schrecken, oder zumindest der morgendliche Blick in den Spiegel. Die Angst hat etwas mit unseren Zielen zu tun, und damit, ob wir sie erreichen, oder erreicht haben, oder nicht erreichen. Was sind denn deine Le-bensziele? Wenn du welche hast, also zum Beispiel Karriere, ein gutes Auskommen, Familie, ein gemütliches Heim, ab und zu ein Urlaub, dann gibt es ja zwei Möglich-keiten. Die erste Möglichkeit: Du erreichst deine Lebensziele. Du hast, was du woll-test, du hast hart dafür gearbeitet, und du hast es verdient. Dann beschleicht dich aber unweigerlich irgendwann das Gefühl, dass es bergab geht. Wenn man oben ist, dann geht es irgendwann auch wieder runter. Das ist ganz logisch. Darum suchst du dir dann entweder neue Ziele, oder du versuchst, das Altern aufzuhalten oder abzuweh-ren, weil das Alter der Feind ist, der dir das hart Erarbeitete irgendwann entreißen wird.
Die zweite Möglichkeit ist, dass du deine Ziele nicht erreichst. Was du dir vorge-nommen hast, ist nie Wirklichkeit geworden. Du hast das Gefühl, eine Chance ver-passt zu haben, nicht den richtigen Menschen getroffen zu haben, versagt zu haben, oder das Leben war gegen dich, auf jeden Fall lief es nicht so, wie du dir es erträumt hast. Die Folge ist oft, dass man ins Bedauern fällt. Der Klempner wünscht sich, er hätte Medizin studiert, und der Arzt, er wäre Klempner geworden. Die berufstätige Frau bedauert, daß sie nicht mehr Zeit für ihre Kinder hatte, und die zu Hause geblie-bene Mutter wünscht sich, sie hätte Karriere gemachen. Wenn man seine Ziele nicht erreicht, kann es gefährlich sein, alt zu werden. Man kann vor lauter Bedauern verbit-tern, und es gibt viele Menschen, denen es so geht, die so denken: Habe ich etwas ver-paßt, habe ich etwas falsch gemacht? Je mehr wir bedauern, desto schwerer fällt das Älterwerden.
Jesus, liebe Gemeinde, hat nicht viel vom Altwerden geredet. Kein Wunder, er ist ja selber nicht gerade alt geworden. Aber er hat sich mit Lebenszielen ausgekannt. Er wusste, dass unser Leben auf Gott hin läuft, dass Gott das Ziel ist am Ende unseres Lebens. Und darum wollte er, dass wir uns schon zu Lebzeiten auf dieses Ziel hin aus-richten: „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich. Wer sich an sein Leben klammert, der wird es verlieren. Wer aber sein Leben für Gott einsetzt, der wird es gewinnen.“ Oder anders ausgedrückt: Wenn du dir Lebens-ziele setzt, die mit dir selbst zu tun haben, dann hast du sie irgendwann einmal er-reicht, oder du hast sie aufgegeben. In jedem Fall ist das Alter dein Feind. Wenn du aber Gott als Lebensziel hast, dann ist das Alter dein Freund, denn du kommst ihm ja im Laufe deines Lebens immer näher.
Nun ist das aber ja so eine Sache, sich Gott zum Ziel zu setzen. Erstens klingt das nicht so prickelnd. Zweitens ist es höchst unkonkret. Woher weiß ich da, was ich tun soll? Was will denn Gott mir? Und woran kann ich sehen und nachprüfen, dass ich mein Ziel erreicht habe? Und drittens ist es nicht planbar. Wenn du dir ein Lebensziel setzt, das außerhalb deiner selbst liegt, dann musst du damit rechnen, dass manches anders kommt, als du es planst. Denn dann hast du dich selber nicht mehr in der Hand, sondern musst dich in gewissem Maße führen lassen von deinem Ziel, von Gott. Das ist wohl der Grund, warum die meisten Menschen sich lieber Ziele setzen, die man se-hen und überprüfen kann. Da weiß man wenigstens, was man hat. Da kann ich mir ei-nigermaßen sicher sein, dass ich selber Herr meines Lebens bleibe.
Es ist eine Frage der Sicherheit. Wir können uns ein Häuschen bauen mit Kamin, und da drin bleiben, wo es warm ist und schön. Wenn man nicht nach draußen geht, dann kann man auch nicht verletzt werden. Lebensziele, die wir uns selber setzen, die erreichen wir ja vielleicht sogar, da können wir uns immerhin eine Chance ausrech-nen. Aber sie halten dem Altwerden nicht stand. Denn am Ende können wir nichts von dem mitnehmen, was wir uns erarbeitet haben. Warum also nicht jetzt schon auf die andere Stimme hören, auf die Stimme von außen, auf die Stimme des Abenteuers? Statt ein Feuer im Kamin zündest du ein Feuer in deinem Herzen an. Folgst der Stim-me, folgst Gottes Fingerzeigen. Natürlich gibst du dadurch etwas von dir auf, du gibst deine Sicherheit auf. Denn du musst dich in die Hand jemandes anderen geben. Aber in dieser Hand bist du ja ohnehin schon längst. Also tust du Dinge, auf die du selbst gar nicht gekommen wärst. Du adoptierst das Kind. Du ziehst ins Ausland. Du über-nimmst die Gruppe und unterweist die Menschen, die dir anvertraut sind. Du wech-selst den Beruf. Du bewirbst dich um das Amt. Du setzt dich ein für Dinge, die ande-ren helfen. Auch wenn du 70 oder 80 Jahre alt bis, findest du etwas, wofür deine Kraft noch reicht. Natürlich hast du dabei keine Sicherheit, und du bekommst auch oft nichts dafür zurück. Aber was macht das genaugenommen schon? Du meinst, es wäre sicherer, im Haus zu bleiben statt in die Kälte hinauszugehen, wo der Wind von vorne kommt? Jesus ist anderer Meinung. „Wer sich an sein Leben klammert, der wird es verlieren.“ Wirklich alt wirst du nicht durch die Zahl deiner Jahre. Wirklich alt wirst du, wenn du deine Ideale aufgibst.
Wenn wir älter werden, liebe Schwestern und Brüder, dann müssen wir uns von vie-lem verabschieden. Früher war es so einfach, aber jetzt lässt die Kraft nach oder die Spannkraft, und wir werden gebrechlich. Schmerzen gehen einfach nicht mehr weg, und sie können uns so zusetzen, dass wir für nichts mehr offen sind, weil der Kampf um die Gesundheit all unsere Kräfte in Anspruch nimmt. Oh ja, zum Altwerden braucht es Mut. Aber gerade da hilft es, ein Ziel zu haben, das von mir wegweist, das mich gewissermaßen von mir selber ablenkt. Ich habe mit Menschen gesprochen, die das erfahren haben, die erkannt haben, dass jeder Lebensabschnitt seine Herausforde-rungen hat, weil Gott in jedem Alter etwas von uns will. Zum Beispiel meine Groß-mutter: Mit fünfzig hat sie angefangen, Psychologie zu studieren. Weil sie gesehen hat, daß noch eine andere Aufgabe vor ihr liegt, daß sie nämlich eine Ader dafür hat, andere Menschen zu verstehen und ihnen zu helfen. Es hat länger gedauert, das Studi-um, weil man in dem Alter meist nicht mehr so schnell lernt. Aber sie hat’s geschafft und hat bis zu ihrem Tod eine Praxis für Psychotherapie geführt.
Wenn wir älter werden, sollte sich unsere Sicht verbessern. Nicht unsere Sicht von der Erde, sondern unsere Sicht vom Himmel, von dem, was uns auf Gott ausrichtet. Wir sollten immer besser erkennen, was Gott von uns will, welche Ziele er noch mit uns hat. Früher hat man das die Weisheit des Alters genannt. Der große Maler Michel-angelo, nachdem er gestorben war, fand man in seinem Atelier ein Fetzen Papier, auf dem er eine Notiz für seinen Lehrling geschrieben hatte: „Male, Antonio, male, und verschwende nicht deine Zeit!“ Diese Dringlichkeit hat einen guten Grund. Die Zeit verfliegt. Die Tage streichen vorüber und die Jahre verblassen. Unsere Aufgabe müs-sen wir ausführen, solange wir noch Zeit haben.
Es wäre doch dumm, liebe Gemeinde, wenn ein Reisender nicht das Ende seiner Reise im Blick hätte. Wir würden den armen Fahrgast bemitleiden, der nie in seinen Fahrplan geschaut hat. Am Ende verpaßt er noch den Anschlußzug. Und wir würden uns wundern, wenn jemand sagte, der Sinn der Reise sei die Reise selbst. Für den gäl-te der Satz des Propheten Jeremia: „Die Ernte ist vergangen, der Sommer ist zuende, und wir sind nicht gerettet.“ Andere jedoch beschäftigen sich beizeiten mit ihrem Rei-seziel. Und ich hoffe, daß du auch dazu gehörst. Und ich hoffe, daß du und ich bereit sind, wenn wir zuhause eintreffen. Dann ist für uns das Alter kein Feind, sondern ein Meilenstein. Eine freundliche Erinnerung, daß dein Zuhause noch nie so nahe war. Sag’ das deinem Friseur. Amen.

Jan Freiwald, 26.8.2018