Aktuelle Predigt

Was sicher ist

„Wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet. Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß.“ (Mt 7, 24-27)

Liebe Gemeinde,
was habe ich in jungen Jahren Sandburgen gebaut! Nicht im übertragenen Sinn, sondern richtige Sandburgen am Strand am Meer. Das geht ja am besten da, wo der Sand schön nass ist, also in dem nassen Streifen, den die Ebbe zurücklässt. Und weil das so ist, bekommt man schon als junger Mensch mit, wie die Dinge so laufen im Leben. Dort, wo die schönste Sandburg gebaut werden kann, nimmt die nächste Flut sie ga-rantiert wieder mit. Und mein Bruder und ich mussten jedesmal feststellen, dass keine unserer Bemühungen, die Sandburg gegen die heranrollenden Wellen zu verteidigen, auch nur den Hauch einer Chance hatte. Kinder stört das nicht. Morgen bauen sie eine noch bessere. Sandburgenbauen ist Philosophieunterricht und eine gute Einführung, wie man mit Erfolg und Niederlage umgeht.

Später, also so mit 35, in einem Alter, in dem Männer am Strand normalerweise die Schaufel mit der Bierdose getauscht haben, konnte man mich immer noch Sandburgen bauen sehen. Da waren es dann die Kinder, die unermüdlich buddelten und dabei gerne von einem erfahrenen Sandburgenbauer noch was lernten. Und manchmal blieben dann Leute stehen, bewunderten unser Werk und bemerkten, ich wäre doch (guck mal!) ein Vater, wie man ihn sich wünscht.
Nicht nur deshalb ist das Bauen von Sandburgen eine wichtige Sache. Nützlich ist sie auch, weil wir so nicht vergessen, wie das mit den Dingen dieser Welt so ist. Die Kinder wissen das noch, während die Väter, wie gerade beschrieben, ab einem gewis-sen Alter oben am Strand im Strandkorb sitzen und sich über ihr Haus, ihr Auto, ihren Beruf, ihre Firma unterhalten und natürlich über todsichere Geldanlagen in Aktien, Immobilien und Edelmetalle.

Mit Jesus von Nazareth könnte man über solche Dinge nicht reden. Wenn es um todsichere Dinge geht, Immobilien, Geldanlagen und woran wir sonst so unser Herz und unsere Sicherheit hängen, würde er uns wohl eher empfehlen, es mit den Kindern zu halten und mit ihnen unten am Strand Sandburgen zu bauen. Unser heutiger Predigttext weist darauf hin. Und noch mehr die ganze Bergpredigt, aus der er stammt. Das Gleichnis vom klugen Mann, der sein Haus auf den Felsen baute und vom unvernünftigen Mann, der sein Haus auf Sand baute, ist der krönende Abschluss der Bergpredigt und kann daher nicht ohne sie verstanden werden, schon gar nicht als Sammlung allgemeiner Lebensweisheiten. Es gibt ja kaum eine Lebensweisheit, die die Bergpredigt nicht komplett in Frage stellt. Das geht schon los mit den Armen, Leidenden, Sanftmütigen, Rechtlosen, Friedfertigen und Verfolgten, die als die in Wahrheit Glücklichen bezeichnet werden. Das geht dann weiter mit einer Auslegung der zehn Gebote, bei der auch der Gutwilligste die Segel streichen und zugeben muss, dass das niemand erfüllen kann, dass die Messlatte Gottes viel zu hoch liegt. Einen Menschen umbringen kann man schon, indem man ihn einen Idioten schimpft. Den Feind soll man lieben genauso wie sich selbst. Die Armen dürfen nicht vergessen werden. Die Ehe soll geschützt werden und unsere Rede sei ein klares Ja oder ein klares Nein. Und dann die unversöhnlichen Worte zum Thema Geld: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. Beides geht nicht! Jesus will sich nicht einmal über ökologisch und ethisch einwandfreie Geldanlagen unterhalten. Jesus will sich überhaupt nicht über Kapitalanlagen unterhalten, sondern empfiehlt stattdessen einen eingehenden Blick auf die Lilien auf dem Feld und die Vögel unter dem Himmel und vielleicht sogar auf die Sandburgen am Strand.

Wir können es drehen, wie wir wollen. Diese Bergpredigt scheint nach unseren Maßstäben selbst eine einzige Sandburg zu sein, weil man ihr in so wenigen Punkten folgen und entsprechen kann. Sie ist eine einzige Zumutung an die allgemeine Le-bensweisheit und stellt jede unserer so bequem zurechtgelegten Lebensregeln auf den Kopf. Und ausgerechnet am Schluss dieser Predigt fordert Jesus uns auf, das Gehörte nun gefälligst auch zu tun: Denn ansonsten wird der Absturz groß sein.
Die letzten Monate haben uns eindrücklich vor Augen geführt, wie vieles, was uns so unumstößlich und sicher scheint, von einem Moment auf den anderen einstürzen kann. Das Jahr 2020 wird wahrscheinlich in die Geschichte eingehen als das Jahr, in dem plötzlich alles anders war. In dem Gesellschaften und Staatengemeinschaften sich bewähren mussten und wir unser Verhalten bis in die kleinsten Dinge des Alltags hinein ändern mussten, um uns und andere zu schützen. Unser Leben ist nicht so sicher, wie es scheint. Mit dieser Erkenntnis werden wir in Zukunft leben müssen. Wenn wir es nicht schon vorher taten. Denn in Wahrheit war es ja nie so, dass unsere eigenge-zimmerten Sicherheiten wirklich gehalten hätten. Es gab schon immer Zeiten in unserem Leben, in denen wir bitter erleben mussten, dass keine unserer Bemühungen, un-sere Sandburgen gegen die heranrollenden Wellen zu verteidigen, auch nur den Hauch einer Chance hatte. Aber eben diese Zeiten waren es, die uns das Ohr schärften für das, was Christus gesagt hat über die falschen Sicherheiten und für den Gott, an den allein wir unser Herz hängen sollen.

Damit aber sind wir dem Gleichnis vom Hausbau und der Bergpredigt selbst auf der Spur. Wenn nichts in unserer Welt so sicher ist, dass wir darauf unser Haus bauen und unser Leben setzen könnten, dann bleibt als einzig mögliches Fundament Jesus Christus. Einen anderen Grund kann niemand legen. Wer meine Worte hört und sie tut, der baut sein Haus auf Fels, sagt Jesus. Damit meint er seine Bergpredigt, aber mehr noch als auf die Worte weist er uns auf seine Person. Er selbst ist das Fundament, auf dem alles steht, was bleibt im Leben und im Sterben, denn er ist das gleischgewordene Wort Gottes, er ist Gott in Person. Was sich auf ihn baut und was er in uns baut, das braucht keine Flut, keinen Sturm, keine Katastrophe und auch kein Virus zu fürchten.

Es hat in den letzten Wochen Fälle gegeben, in denen dieser Satz mißverstanden wurde. Dass man nämlich mit Christus kein Virus zu fürchten habe und daher voll Gottvertrauen auch ohne Abstandsregeln Gottesdienst feiern dürfe. Hier hat man nun leider Jesus komplett mißverstanden. Denn wie lautet sein oberstes Gebot? Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst. Wenn man die christliche Botschaft in einem Satz zusammenfassen wollte, dann käme genau der heraus: Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst. Aus diesem Grund halten wir die Vorschriften und Abstandsregeln ein. Nicht aus Angst, uns anzustecken oder aus Obrigkeitshörigkeit, sondern aus Liebe zum Nächsten. Um die Einstellung geht es. Wir wollen nicht, dass sich ein anderer durch unsere Sorglosigkeit ansteckt. Denn der Nächste, wer auch immer er ist, verdient unser Augenmerk, Jesus würde sagen, unsere Liebe.

Insofern, liebe Schwestern und Brüder, ist die Zeit, durch die wir gerade gehen, ge-radezu eine Lektion in Sachen praktischer Nächstenliebe. Was uns sonst so schwer fällt, nämlich die anderen zu entdecken, die unsere Sorge brauchen, das können wir im Moment tagtäglich üben. Gemeinsame Not schärft den Blick füreinander. Und darum nähert diese Zeit uns Christus an, der die Menschen mit den Augen Gottes ansieht, mit den Augen der Liebe. Mit ihm sehen wir in allen das Gute und den unendlichen Wert, den Gott allen Geschöpfen gegeben hat, auch uns selbst! Und mit ihm können wir auch versuchen, so zu handeln wie er. Das ganze Neue Testament ist keine neue Gesetzessammlung mit Vorschriften, die wir einzuhalten hätten, damit wir zu Gott kommen. Es ist eine Anleitung, sich Jesus anzunähern, seine Liebe zu fühlen, seine Nähe zu suchen. In seiner Nähe wird der Mensch heil und kann dann auch – mit Gottes Hilfe und ein bisschen Glück – gute Werke vollbringen, die nicht auf Sand gebaut sind.

Wir laufen wohl unser ganzes Leben lang diesem Wunsch hinterher: Dass die Din-ge, die wir tun, von Bedeutung seien und nicht auf Sand gebaut. Das irgend etwas bleibt. Und um das zu finden, laufen wir so manche Umwege, setzen so manchen Plan in den Sand, bauen so manche Burg, die nicht lange hält. Macht nichts, sagt Jesus, denn es sind die Häuser, die fallen, nicht deren Erbauer. Und bei allem zählt der Wille. Oder vielmehr: die Liebe. Sie sei euer Antrieb, all das für euch und füreinander zu bauen. Wer sich Jesus annähert, der wird sogar lernen, alle Menschen so zu sehen, wie Christus sie vor Augen hat: Die Armen, Leidenden, Sanftmütigen, Rechtlosen, Friedfertigen und Verfolgten.

Wer wollte da behaupten, dass es nicht möglich wäre, dass auch bei den Sandburgen, die wir im Leben auf dieser vergänglichen Welt bauen, die Kinder ihren Spaß, die Armen etwas zu essen, die Leidenden Trost und die Rechtlosen Recht bekämen. Im Himmelreich wird das ganz sicher so sein. Und vielleicht werden wir dann dort am Strand eine solche schöne alte Sandburg wiederfinden, von der wir hätten schwören können, dass die Flut sie längst mitgenommen hat, wie alle anderen. Und dann werden wir sagen, guck mal, was für ein himmlischer Vater! Amen.

 

Jan Freiwald, 21.6.2020