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Predigt zur Fastnacht

Und alsbald trieb Jesus seine Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe. Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein. Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen. Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See. Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht. Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin's; fürchtet euch nicht! Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und sie traten in das Boot und der Wind legte sich. Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn! (Mt 14,22-33)

Liebe Schwestern und Brüder, hat Jesus jemals in seinem Leben gelacht? Natürlich hat er gelacht, spätestens da, als Petrus versuchte, übers Wasser zu laufen. Vielleicht kennen Sie den Film oder das Buch „Der Name der Rose“. Es spielt im finsteren Mittelalter in einer Abtei in den Bergen Italiens. Kurz gesagt geht es darin um die Frage, ob Jesus gelacht habe, und ob das Lachen nicht die wahre Gottesfurcht zerstöre. Und es gibt einen Mönch, der sich zur Aufgabe gemacht hat, ein bestimmtes Buch nicht an die Öffentlichkeit kommen zu lassen, in dem das Lachen als etwas Gutes und Heilendes beschrieben wird. Und damit die anderen Mönche das Buch nicht lesen, beginnt er unbekümmert, so nach und nach alle anderen zu ermorden. Nur damit der Ernst des Glaubens und die Furcht vor Gott erhalten bleiben.

Ob Jesus tatsächlich gelacht hat, das steht nicht in der Bibel. Und meistens stellen wir ihn uns auch vor als ernsten, durchgeistigten Menschen, der so viel von der Sorge der Menschen weiß, dass ihm das Lachen vergangen ist. Wenn Jesus aber nicht nur wahrer Gott, sondern auch wahrer Mensch gewesen ist, kann ich mir nicht denken, dass er sein ganzes Leben so ernst verbracht hat, wie es die Evangelien beschreiben. Wetten, dass er wenigstens auf der Hochzeit zu Kana seinen Spaß gehabt hat? Auf dieser Party hat er derart viel Wasser in Wein verwandelt, 70 Flaschen pro Gast, und am Ende waren alle alle. Oder alle voll. Prost auf das Brautpaar und die messianische Fülle, und Jesus mittendrin.

Zu Fasching haben wir es ja auch mit dem Lachen zu tun. Lachen befreit nicht nur, es dreht auch die bestehende Wirklichkeit um. Man lacht, weil plötzlich die Dinge, die so bierernst waren, in einem anderen Licht stehen. Wahrscheinlich ist die Fastnacht  - in anderen Jahren - deswegen so beliebt, weil man hier die Dinge wirklich verdrehen und auf den Kopf stellen kann. Den Männern werden wichtige Dinge abgeschnitten, die Frauen haben plötzlich das Sagen, Rathäuser werden gestürmt und die Politiker abgesetzt. Solche Umsturz-Spiele kommen aus der Zeit des Mittelalters, wo zur Faschingszeit die Armen einmal die Reichen spielen durften und die Untertanen die Mächtigen. Das war dazu da, um soziale Spannungen abzubauen.
Die närrische Zeit ist also tatsächlich eine Umsturz-Zeit, in der die eigentliche Wirklichkeit umgedreht wird, andersherum gesehen wird. Und das baut Spannung ab, es befreit. Spaß und Lachen befreien, weil sie Bestehendes umdrehen. Das ist bei jedem guten Witz so. Humor ist ja, wenn man „trotzdem lacht“. Trotz-dem, trotzdem es eigentlich eine ganz ernste Sache ist, die von vorne gesehen gar nicht zum Lachen ist. Nur wird es von einer anderen Seite gesehen, eben umgekehrt.

Unter Soldaten gab es die Regel, dass, wenn man Ärger mit einem Vorgesetzten hat, es so machen muss: „Du musst ihn dir in Unterhosen vorstellen!“ Den Vorgesetzten. Oder noch besser: stell ihn dir vor mit einer schönen großen Pappnase. Das geht auch mit Chefs oder Politikern oder mit Lehrern in der Schule. Stell sie dir in Unterhosen vor. Oder mit Pappnase. Pappnase oder Unterhose - jedenfalls eine Umdrehung der wirklichen Verhältnisse. Und dann kann man trotzdem lachen - auch obwohl man gerade einen Verweis gekriegt hat. Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Ganz ähnlich ist es auch mit dem Glauben. Wie beim Witz könnte man beim Glauben sagen: „Glauben ist, wenn man trotzdem hofft.“ Wie der Humor ist auch der Glaube eine Umdrehung der Wirklichkeit, eine Deutung von dem, was man sieht, aber mit Hilfe von etwas Neuem, Unvorhergesehenen. Der Glaube schaut hinter die Dinge und gibt ihnen eine neue Bedeutung von Gott her.

Man kann ja der Bibel vorwerden, dass sie ziemlich witzlos ist. Alles ist ernst, Tod und Sünde und Verbrechen, und auf vielen Seiten im Alten Testament auch jede Menge Blut. Alles andere als witzig. Auf den ersten Blick stimmt das. Aber wenn man unter einem Witz versteht, dass er die Wirklichkeit umdreht und in einem anderen Licht zeigt, dann ist die Bibel allemal ein Witz, und zwar von vorne bis hinten. Denn sie zeigt hinter der vordergründigen Welt und Geschichte eine neue, eben dahinter liegende Wirklichkeit. Eine neue Dimension. Ein Sinn dahinter. Und die Pointe ist, wenn dir dieser tiefe Sinn blitzartig aufgeht. Und dann lachst du über deine alte Wirklichkeit, die plötzlich ihre Absolutheit verloren hat. Das ist wie beim Witz, bei dem du deshalb lachst, weil dir durch die Pointe schlagartig ein neuer Sinn aufgeht.

So verstanden ist die Bibel alles andere als witzlos. Im Gegenteil, fast alles, was sie aussagen will, läuft über Pointen, über Umdenk-Geschichten, über Aha-Erlebnisse, in denen Gott plötzlich alles umdreht und neue Verhältnisse schafft. So wie in dieser Geschichte mit Petrus, dem Angeber, der Jesus auf dem Wasser laufen sieht und denkt: Na logo, das kann ich auch! Und dann bei dem Versuch fast absäuft. Doch Jesus ist zur Stelle. Er streckt seine Hand aus und rettet ihn. Und Petrus wird schlagartig klar: So sein wie Jesus, wie Gott, kann er niemals. Aber das braucht er auch nicht, denn Gott ist immer zur Stelle, um einzuspringen und zu helfen. Das ist die Pointe, das ist die Wirklichkeit hinter der Wirklichkeit.

Weil wir als Christen damit rechnen, dass hinter der Wirklichkeit noch ein ganz anderer Sinn liegt, weil nämlich Gott immer noch ganz andere Wege gehen kann, darum sind wir in einem tiefen Sinn närrisch. Narren und Christen haben tatsächlich einen Berührungspunkt: Sie sehen die Welt hinter der Welt. Sie finden sich nicht damit ab, dass es nichts anderes geben soll, als das, was man sieht und was immer schon so war. Jesus Christus hat das vorgemacht: Er hat so mit Gottes Wirklichkeit gelebt, dass sie sichtbar wurde. Er hatte das Vertrauen: Gott steht hinter allem, auch wenn wir ihn nicht sehen. Wenn Gott uns leitet, können wir auch krumme Wege gehen und kommen trotzdem geradewegs ans Ziel.

Und damit, liebe Schwestern und Brüder, können wir auch die Frage aus „Der Name der Rose“ vom Anfang beantworten, ob man nämlich als Christ lachen darf. Wenn Lachen die Antwort darauf ist, dass sich etwas umdreht, dann sollten wir auch in Bezug auf Gott lachen, ja dann müssen wir lachen, weil Gott Dinge wenden kann. Über alles, was uns drückt und beschwert, sollen wir lachen. Über unsere momentane mißliche Lage sollen wir lachen. Wir sollen ihr ins Gesicht lachen, weil wir wissen, sie geht vorüber, sie hat nicht das letzte Wort. Als Christen rechnen wir mit Gottes Wirklichkeit und damit, dass sich Dinge umkehren. Und unsere Aufgabe ist es, das der Welt zu sagen, damit sie Hoffnung hat. Dinge kehren sich um. Darum reden wir Christen angesichts des Kreuzes - die Passionszeit beginnt ja am Mittwoch - von Auferstehung. An einem offenen Grab wagen wir, vom Leben zu sprechen. Wo einer ganz unten ist und in Trauer zerfließt, entspringt ein Gebet und die Hoffnung: Gott ist dabei und reicht mir die Hand.

Denn die Oberfläche, liebe Schwester, lieber Bruder, ist nicht alles. Manchmal muss das Bestehende umgedreht werden. Das befreit. Unsere ganze schöne Fassade und der Putz, hinter dem wir uns verstecken, auch deine kleinen und großen Probleme: Vielleicht solltest du prüfen, ob sie die Sorgen wirklich wert sind, die du dir machst. Niemals aber sage: Mehr geht nicht und es wird sich sowieso nichts ändern. Dann hast du nämlich die Pointe verpasst. Und die heißt: Immer ist mehr möglich, als du dir vorstellen kannst. Das Leben ist zu reich und zu schön, um sich mit dem Bestehenden abzufinden, und das Geheimnis hinter allem erschließt sich dir ja erst vom Ende her. Das hast du aber noch lange nicht erreicht. Du wirst ein Leben brauchen, um hinter Gottes Geheimnis mit dir zu kommen und all die Pointen deines Lebens zu verstehen. Amen.

Jan Freiwald, 14.2.2021