Aktuelle Predigt

Perspektivwechsel

Hand aufs Herz: Hätten Sie am Jahresanfang gedacht, als die ersten Meldungen über die rätselhafte Lungenkrankheit aus China eintrafen, dass das einmal uns betreffen würde? Dass die Menschheit drei Monate später in einer so bisher noch nicht dagewesenen Krise befinden würde? Wir schauen uns um und reiben uns die Augen - nein, das dürfen wir ja nicht wegen der Infektionsgefahr. Wir schauen uns um und erkennen unser Leben, unsere Gesellschaft, ja die ganze Welt nicht wieder. Nicht einmal die ganz Alten unter uns können sich erinnern, jemals erlebt zu haben, dass sogar Gottesdienste ausfallen. Ein winziges, mikroskopisch kleines Lebewesen hat es geschafft, alles zu verändern und uns ganz neue Perspektiven aufzuzwingen.

Ob und wie wir diese Krise meistern, hängt auch davon ab, ob wir uns auf diese neuen Perspektiven einlassen und unsere Lehren aus ihnen ziehen. Zum Beispiel, ob die Solidarität, die wir dieser Tage erleben, von Dauer sein wird. Viele schauen nicht mehr nur auf sich, sondern entdecken ihren Sinn für das Ganze, das macht Hoffnung. Die Einigkeit, mit der in der Politik Hilfsmaßnahmen beschlossen werden, macht Hoffnung. Hoffnung machen die vielen Beispiele gelebter Menschlichkeit, die es überall gibt. Freiwillige erklären sich bereit, Einkäufe für ältere Menschen zu erledi-gen oder Kinder zu betreuen, deren Eltern ihrem Beruf nachgehen müssen. Durch die Ausgangsbeschränkungen räumlich getrennt, rücken die Menschen virtuell zusammen, halten mit Telefongesprächen, Mails oder Chats den sozialen Kontakt aufrecht und stärken so die Gemeinschaft.

Wie alle Naturkatastrophen unterscheidet auch eine Pandemie nicht nach gut und böse, arm oder reich. Wie bei einem Erdbeben trifft es alle oder kann es alle treffen. Die einen sind nur am Rande betroffen, die anderen dagegen schwer, haben in ihrem Umfeld einen Krankheitsfall oder sind selbst krank. Wer alleine lebt, fürchtet sich, bald ganz isoliert zu sein oder nicht mehr für sich sorgen zu können. Auch die wirtschaftlichen Folgen sind unterschiedlich, die einen können weiterarbeiten, die anderen nicht, manche sind abgesichert, die anderen sind in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht. Und was für unserem Land gilt, gilt für andere Länder noch verstärkt. Nicht sel-ten sind es wieder einmal die Ärmsten und Schwächsten, die besonders leiden müssen, weil sie keinen Zugang zu einem leistungsfähigen Gesundheitssystem haben. Auch sie brauchen unsere Solidarität und unsere Hilfe.

Am Sonntag beginnt die Karwoche, in der sich Christinnen und Christen in aller Welt auf das Osterfest vorbereiten, das wichtigste Fest der Christenheit. Es ist deswegen das wichtigste, weil Ostern und Karfreitag von den wichtigsten Dingen handeln, die wir kennen: von Leben und Tod. Es geht um alles oder nichts. Die Botschaft von Os-tern ist: Wir sind fürs Leben bestimmt und nicht für den Tod. Vor dem Hintergrund der erschreckenden Nachrichten über Tausende von Todesopfern erhält dieser Glau-benssatz noch einmal eine ganz neue Dringlichkeit. Gott will für uns das Leben, vor unserem leiblichen Tod und danach ebenfalls. Ostern ist darum der große Perspektiv-wechsel der Menschheitsgeschichte: Wenn unser aller Ziel das Leben ist, weil Gott es für uns bereithält - vor und nach unserem Tod -, dann besteht der vordringliche Sinn unseres Daseins darin, dem Leben zu dienen. In Dankbarkeit vor Gott und in Demut vor den Menschen.

Das ist der Grund, warum Jesus Christus immer wieder die Gottes- und die Men-schenliebe in einem Atemzug nennt: Wir können nicht Gott achten und unseren Nächsten missachten. Wer aber unser Nächster ist, das entscheidet sich im konkreten Fall, da gibt es keine Grenzen. Wer unser Nächster ist, dieser Kreis wird immer wei-ter, je mehr die Enden der Welt zusammenrücken. Wer sich in den vergangenen Jahr-zehnten in unserem Land auf der reichen Insel der Seligen wähnte, während scheinbar weit weg für Millionen die Welt unterging, der erwacht unsanft aus seinen Träumen, weil er merkt, dass wir längst schon in einer Welt leben, in der alles, was irgendwo auf der Erde geschieht, irgendwann auch uns selber betrifft. Da stecken sich in China Menschen vermutlich an Tieren aus der Wildnis an, und kurze Zeit später wird bei uns das gesellschaftliche Leben eingefroren und die Wirtschaft geht auf Kellerkurs. Deut-licher kann man es kaum machen: Wir leben in einer Welt, wir sind eine globale Schicksalsgemeinschaft. Es sei Gott geklagt, dass es für diese Einsicht ein kleines Virus braucht. Weder die Flüchtlingskrise noch die globale Ungerechtigkeit noch selbst der Klimawandel haben zu solch drastischen Verhaltensänderungen geführt, wie wir sie jetzt sehen. Weder im Privaten noch in der Politik. Erstaunlich, zu welchen An-strengungen wir fähig sind, wenn wir nur müssen. Man stelle sich vor, was möglich wäre, wenn wir so viel Solidarität und Selbstverzicht aufbrächten, um den Klimawan-del zu bekämpfen oder den Ärmsten unserer Erde ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.

Man könnte die herausfordernde Frage stellen, ob die Menschheit bisher irgend et-was aus Katastrophen gelernt hat? Aus Tschernobyl etwa? Nicht wirklich. Zumindest nehmen wir immer noch unkalkulierbare Risiken in Kauf, damit unser Wohlstand nicht kleiner wird. Auch die Klimakatastrophe. Immer gibt es die vielen Eigeninteres-sen, die keiner gerne aufgibt, und ein Umdenken fängt klein an und braucht Zeit. Zeit aber gibt es in der gegenwärtigen Lage keine. Das ist die Chance in dieser Krise, das ist das Positive, wenn man angesichts der erschütternden Auswirkungen für Hundert-tausende überhaupt von etwas Positivem sprechen kann: dass sich Blickwinkel gezwungenermaßen ändern.

Auch der Blick auf unser sonst so sicheres Leben. In wenigen Wochen wurde welt-weit ein geregelter Alltag völlig durcheinander geworfen. Wir sehen daran, dass unsere Gesellschaft gefährdet ist und dass das Leben, in das wir so akribisch eingetaktet sind, nicht so sicher ist, wie es scheint. Und uns beschleicht eine Ahnung, wie es viel-leicht den Menschen in früheren Zeiten gegangen sein mag: Sie hatten ja noch mit viel mehr Gefahren und Unsicherheiten zu kämpfen als wir jetzt. Und hatten ihnen viel weniger entgegenzusetzen an medizinischer Versorgung oder Sozialstaat. Da stellte sich dann auch die Frage nach Gott anders, eindringlicher. Darum haben die Men-schen früher gerne ihre Pläne mit zwei Buchstaben unterschrieben: C. J. Sie stehen für "conditio Jacobea", die "Bedingung des Jakobus". Damit wurde auf einen Satz im Ja-kobusbrief in der Bibel angespielt, in dem vor zu großer Selbstsicherheit gewarnt wird. Alles, was wir uns vornehmen, geschieht unter der Bedingung: "So Gott will und wir leben" (Jak 4,15). Wir können dieser Tage ein Stück nachempfinden, wie die-ses Wort gemeint ist, wo so vieles, was verlässlich schien, plötzlich unsicher gewor-den ist. CJ.

Krisen sind immer auch Chancen. So gefährlich und notvoll sie sind, so viel Kraft und Energie setzen sie auch frei, weil sie den Blickwinkel ändern. Sie schärfen den Blick für das Wesentliche. Das können wir im Moment überall erleben. Menschen lernen, achtsamer, wertschätzender und dankbarer zu sein. Die geschenkte Zeit, über die sich viele freuen können, sorgt für Entschleunigung. Viele entdecken ganz andere Seiten an sich wieder, leben intensiver, spielen mit den Kindern, lesen ein Buch, ge-nießen den Frühling, schreiben einen Brief. Das tut gut, ist aber nicht für jeden etwas. Der Hüttenkoller läßt grüßen. Aber vielleicht kann man diese Zeit, in der wir aus dem Alltag herausgenommen sind, mit einer Reise vergleichen: Wie schön es zuhause ist, merkt man erst, wenn man mal weg war. Kommt der Alltag wieder, sieht man ihn mit neuen Augen. Vielleicht hilft uns diese Krise, unser Leben und unseren Alltag wirklich schätzen zu können. Mit dem Glauben ist das ähnlich: Wer es wagt, sein Leben mit den Augen Gottes zu betrachten, erkennt plötzlich, wie wertvoll er ist. Dass ein Perspektivwechsel hilft, sich und die Welt anders zu sehen, kann man in diesen Tagen lernen.

Jan Freiwald, 1.4.2020