Aktuelle Predigt

Homosexualität

Liebe Schwestern und Brüder, was haben die Heteros nur falsch gemacht, dass sie nicht schwul oder lesbisch sind? Was lief da schief, dass sie sich statt fürs eigene Geschlecht für das andere interessieren? Komische Frage, Sie können eben nichts dafür, dass sie heterosexuell veranlagt sind. Eine Veranlagung hat man einfach. Also hören wir auf, sie zu diskriminieren, nur weil sie eine andere Orientierung haben als andere.

So könnte man über heterosexuelle Menschen denken, wenn man sich auf den Standpunkt von Homosexuellen stellt. Wenn wir heute in diesem Gottesdienst über Homosexualität nachdenken, dann tun wir darum eigentlich etwas völlig Verkehrtes. Wir sollten viel lieber über sexuelle Orientierung nachdenken. Denn beides, Homo- und Heterosexualität, sind Ausprägungen derselben Sache, eben der sexuellen Orientierung: von welcher Personengruppe ich mich angezogen fühle. Es geht also nicht um die Frage: "Wie gehen wir mit Homosexuellen um"?, weil die es gar nicht nötig haben, dass man "mit ihnen umgeht". Homosexualität ist keine Krankheit, und wäre das Zahlenverhältnis andersherum, dann müssten die Heteros sich gegenüber den Homos rechtfertigen, warum sie beim Anblick eines Vertreters des anderen Geschlechts schwach werden.

Zum Begriff: Homo kommt aus dem Griechischen und heißt "gleich", hetero kommt ebenfalls aus dem Griechischen und heißt "anders". Also Gleichgeschlechtlichkeit oder Andersgeschlechtlichkeit. Gleichgeschlechtliche Liebe hat es zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften gegeben. Es erscheint uns, die wir in einem so derart auf andersgeschlechtliche Liebe fixierten Umfeld leben, vielleicht erstaunlich, aber in der Geschichte der Menschheit und darüber hinaus war Homosexualität nie ein Problem. Darüber hinaus, weil es sie auch in der Tierwelt gibt. Sie erinnern sich: zehn Prozent der Menschheit sind homosexuell. Und da hat sich jetzt tatsächlich mal einer die Mühe gemacht und in einer Kolonie von Pinguinen nachgezählt. Was denken Sie, wie viele Pärchen homosexuell war? Genau: Jedes zehnte.

Homosexualität ist normal. Warum es sie gibt, könnte man jetzt fragen. Wo sie doch eins augenscheinlich nicht kann, nämlich sich fortpflanzen. Aber warum haben Lebewesen Augen im Kopf? Weil sie zum Überleben gut sind. Hätten unsere Vorfahren keine Augen gehabt, wären sie als blinde Beute alle ganz schnell von Säbelzahntigern verspeist worden. Ein Gattungsmerkmal dient im Ganzen dem Überleben der Art. Sonst würde es aussterben. Also muss auch Homosexualität zu etwas gut sein, sonst wäre sie längst ausgestorben. Verbreitet ist in der Forschung die Ansicht, dass Homosexualität in der höheren Tierwelt eine wichtige Funktion im Zusammenleben hat, weil sie Aggressionen abbaue und die soziale Integration fördere. Auf deutsch: Gäbe es keine Homosexuellen, würden sich die ganzen Heteros im blinden Paarungskampf erst die Zähne und dann die Köpfe einschlagen. Darum verstehen sich viele Homosexuelle mit gutem Recht als "ausgleichende Masse". Sie nennen sich "gay", fröhlich, und die Regenbogenfahne ist ihr Zeichen, weil sie der Gesellschaft etwas Fröhliches und Buntes geben, was sie sonst nicht hätte.

Homosexualität ist normal. So normal, dass es in keiner Sprache dieser Welt einen ursprünglichen Ausdruck dafür gibt! Das Wort "homosexuell" ist eine Schöpfung des 19. Jahrhunderts. Unsere Sprache ist aber dafür da, die Wirklichkeit zu beschreiben, damit wir uns ausdrücken können. Wenn es also kein Wort für etwas gibt, dann bedeutet das ganz einfach, dass es keinen Grund gab, eins zu erfinden. Das heißt: Dass es überhaupt ein Problem ist, Homos und Heteros zu unterscheiden, ist eine Erfindung der neueren Geschichte der westlichen Welt mit ihren sehr speziellen Moralvorstellungen.

Ich sage der westlichen Welt, weil hier bei uns der Ausgangspunkt für den Homo-Hass liegt, den es seit ungefähr 150 Jahren in vielen Ländern der Welt gibt. Wußten Sie, dass es im Islam an sich kein Problem ist, schwul oder lesbisch zu sein? Im Islam war Homosexualität bis vor gut hundert Jahren kein Problem. Erst durch die Kolonialisierung durch europäische Mächte wurde die Heteronormativität, also dass Heterosexualität die Norm und das allein richtige sei, in muslimischen Ländern bekannt und dort aufgenommen. Seitdem werden auch dort wie in vielen Ländern der Erde Homosexuelle unterdrückt und bestraft.

Was uns zu der Frage führt, woher denn diese Fixierung auf Heteronormativität kommt? Nun, wie viele unserer Moralvorstellungen kommt auch diese aus der Bibel. Glaubt man fast nicht, weil eigentlich Homosexualität in der Bibel gar kein Thema ist. Und ebenfalls merkwürdig ist, dass wir schon so viele Moralvorstellungen der Bibel über Bord geworfen haben, aber die eine nicht, dass Homosexualität etwas Unnormales, geradezu Widernatürliches sei. Die hält sich hartnäckig, besonders in besonders frommen Kreisen. Dabei gibt es in der ganzen Bibel nur drei Stellen, die sich direkt mit Homosexualität beschäftigen, und dann noch ein paar Stellen, in denen es um homosexuelle Vergewaltigung oder homosexuellen Mißbrauch von Kindern geht. Also Dinge, die wir als Christen genauso ablehnen, wenn sie im heterosexuellen Kontext passieren. Drei Stellen also zur Homosexualität, und davon wiederum stehen zwei im dritten Buch Mose (18,22 + 20,13), wo ein Haufen Dinge drin steht, an die wir uns heute nicht mehr halten. Wer seine Ablehnung der Homosexualität mit dem dritten Buch Mose begründet, der müsste auch all die anderen Sachen halten, die da drin stehen. Er müsste zum Beispiel regelmäßig Stiere als Brandopfer darbringen, seine Töchter als Sklaven verkaufen und seinen Nachbarn verbrennen, wenn er am Samstag sein Auto wäscht.

Und dann gibt es noch diese eine Stelle beim Apostel Paulus im Römerbrief. Dort wird Homosexualität als Verirrung bezeichnet. Wenn Paulus das nicht geschrieben hätte, dann wäre der homosexuellen Welt unendlich viel Leid, Verfolgung und Selbstverleugnung erspart geblieben. Eine einzige Bibelstelle, und das muss man jetzt leider mal so sagen, sie hat viel Not ausgelöst! Und das, wo wir als Christen doch wissen müssten, dass wir keine Bibelstelle für sich allein lesen dürfen, sondern alles immer auf Jesus Christus beziehen müssen. Jesus Christus ist die Richtschnur für die ganze Bibel. Der aber sagt nichts über und gegen Homosexualität. Jesus äußert sich zu sexuellen Fragen überhaupt ziemlich zurückhaltend. Ganz so, als wolle er sagen: Es gibt wichtigere Dinge, über die wir reden müssen. Schaut doch mal, wo die wirklichen Probleme dieser Welt sind. Die liegen nämlich in eurem Verhältnis zu Gott und in eurer Lieblosigkeit den Menschen gegenüber. Lieblosigkeit auch gegenüber Homosexuellen, wenn ihr sie ausgrenzt oder gering schätzt, sie lächerlich macht und zu einem Leben im Untergrund verdammt. Das ist Sünde, nicht die Homosexualität. Nicht gleichgeschlechtliche Liebe ist Sünde, weil Liebe niemals Sünde sein kann, sondern Lieblosigkeit.

Das, liebe Schwestern und Brüder, würde Jesus sagen, und er würde uns damit, wie mit allem, was er sagt, ziemlich zum Nachdenken bringen. Doch leider ist es einfacher, auf andere zu zeigen, als über sich selbst nachzudenken. Die Menschen brauchen Feindbilder, und hier hat Paulus eine Steilvorlage geliefert, sich auf eine Minderheit einzuschießen. In der Folge hat die christliche Religion im Umgang mit Homosexuellen viel Schuld auf sich geladen. Über weite Strecken hatte sie für Homosexuelle nur Ablehnung, Spott und Verachtung übrig und hat damit diese Menschen oft in ein Leben in Verborgenheit und Lüge gedrängt.

Dabei hat Paulus noch ganz andere Dinge gesagt. Er ist auch gegen Sex vor der Ehe, oder dagegen, dass Frauen im öffentlichen Leben ihre Stimme erheben. Heute würde man das sexistisch nennen. Gerade im sexuellen Bereich unterliegen unsere Anschauungen stark den gesellschaftlichen Normen, also dem, was wir gelernt haben, was uns anerzogen wurde. Das war bei Paulus nicht anders. Paulus war Jude, und die für Juden damals gültige Norm war: Früh heiraten, um die Versorgung und die Nachkommenschaft zu sichern. Homosexualität hatte in diesem Familienbild keinen Platz. Das Schlimme war, dass diese Anschauung, nämlich Heirat, Familie, Heterosexualität, als Ordnung Gottes überhöht wurde. Als Wille Gottes. Und Sie wissen aus anderen Bereichen: Immer, wenn man etwas als Wille Gottes bezeichnet, wird es gefährlich.

Zum Glück sind wir ja heute schon einen Schritt weiter, die rechtliche Lage von Homosexuellen hat sich, zumindest in Westeuropa, in den letzten fünfzig Jahren stark gebessert, und auch die gesellschaftliche Akzeptanz ist gestiegen. Bis die Populisten kamen und die Diskriminierung von Minderheiten in vielen Bereichen wieder salonfähig machten. Weil Feindbilder eben nützlich sind, damit man nicht über das wirklich Wichtige nachdenken muss. Nein, die gesellschaftliche Akzeptanz mag gestiegen sein, die Probleme aber, vor denen jeder Schwule und jede Lesbe steht, sind nicht vom Tisch. Noch immer ist nicht die Homosexualität das Normale, sondern die Heterosexualität. Und jeder Homosexuelle muss sich vor sich und vor anderen rechtfertigen für etwas, für das er oder sie gar nichts kann. Die Angst vor gesellschaftlichen Konsequenzen ist allgegenwärtig, und man muss als Homosexueller schon sehr viel Mut haben, auf all die Ablehnung, die Vorurteile und oft sogar die Gewalttätigkeiten zu pfeifen und sich in aller Öffentlichkeit zu seiner Orientierung zu bekennen. Dass diesen Mut nur wenige aufbringen, zeigt sich daran, dass der Wert von zehn Prozent in der öffentlichen Wahrnehmung ja bei weiten nicht erreicht wird. Oder wußten Sie, dass es so viele Homosexuelle gibt?

Warum ist gerade dieses Thema so angstgeladen? Warum kann man zwar, mit einigem Mut, unter lauter BMW- und Mercedesfahrern zugeben, dass man einen Opel besitzt, aber nicht, dass man schwul ist? Weil wir hier, in der Sexualität, über etwas reden, das unser im wahrsten Sinne des Wortes intimstes Inneres berührt. Sexualität ruft Emotionen hervor, wie es sonst nur wenige Dinge tun. Sexualität prägt unsere Identität, sie ist das Objekt höchster Erwartungen und der Stoff, aus dem Träume sind, Tag- und Nachtträume, sie vermag uns in den Himmel zu heben und ins tiefste Kummerloch zu stoßen, bleibt sie unerfüllt oder unerwidert, oder wird sie mißbraucht. Sexuelles Denken und Fühlen prägt fast unseren gesamten Tagesablauf, es ist immer da. In unserer sexuell aufgeladenen Medienwelt um so mehr. Und darum, wegen dieses hohen Stellenwertes und der Tiefe der Emotionen verunsichert es so, wenn jemand hier - gefühlt - ganz anders empfindet.

Darum braucht es, wie bei allem, das man nachhaltig ändern will, einen Gewöhnungsprozeß. Wer beim Anblick eines schwulen Pärchens, das sich küsst, stutzt, der muss eben viel öfter schwule Pärchen zu sehen bekommen. Die Heteros müssten sich einfach mehr daran gewöhnen, dass es Homos gibt. Das würde es für die Homos leichter machen, zu ihrer Orientierung zu stehen. Dann würden mehr Homosexuelle in die Öffentlichkeit gehen, und die Heterosexuellen würden sich wieder mehr daran gewöhnen. Ein Engelskreis. Das ist das Gegenteil von einem Teufelskreis. Wer macht den Anfang? Wenn es nach Jesus ginge, dann wäre es klar: Jeder macht den Anfang. Denn jeder hat die Aufgabe zu schauen, wie es seinem Nächsten geht und was ihm nützt.

Dass es oft gerade für Nahestehende und Familienangehörige schwer ist anzunehmen, dass jemand homosexuell ist, macht es für die Betroffenen nicht leichter, sich zu outen. Hier, in der eigenen Familie, kommen ja noch andere Dinge dazu wie der Wunsch, Enkel zu haben, oder der Wunsch, dass die eigenen Kinder doch bitte nicht zu einer Minderheit gehören mögen, die ausgegrenzt wird. Wer homosexuell ist, muss mit dem Druck leben, hier Enttäuschungen auszulösen und eben der erwarteten Norm der Andersgeschlechtlichkeit nicht zu entsprechen. Aber auch hier hilft es, sich vor Augen zu halten: Schuld ist nicht die Homosexualität, sondern Schuld ist unsere Fixierung auf die Norm. Auf eine Norm, die eigentlich keine sein dürfte und auch lange Zeit keine war. Vielleicht schaffen wir es ja, sie aus unseren Köpfen zu verbannen. Es täte allen Beteiligten gut. Dann müssten wir, mit Gottes Hilfe, auch nicht mehr über Homosexualität nachdenken, weil sie einfach kein Thema mehr ist. Vielen Dank fürs Zuhören.

Jan Freiwald, 19.11.2017