Aktuelle Predigt

Liebe Gemeinde,
heute gibt es ein bisschen Relativitätstheorie. Sie haben davon vielleicht schon einmal gehört: Einsteins Relativitätstheorie. Der Anfang ist ganz einfach. Hier ist ein Karton, an dem ich Ihnen die drei Dimensionen des Raumes zeigen kann: Länge, Höhe und Breite. In diesen drei Dimensionen sehen wir alle Dinge, ohne dass wir das so richtig merken. Wenn Sie zum Beispiel hier in die Kirche kommen, erfassen Sie auf den ers-ten Blick, dass die Bänke dreidimensional sind. Wären sie nämlich zweidimensional, also flach, könnte man sich nicht drauf setzen. Jeder Raum, den Sie betreten, hat diese drei Dimensionen. Ohne nachzudenken verstehen Sie das. Ihr Hirn kapiert das viel schneller als Sie selber. Sie werden sich darum instinktiv ducken, wenn die Dimension der Höhe sich verändert, zum Beispiel durch eine tiefhängende Lampe. Oder der Klassiker: ein Türstock... Die drei Dimensionen des Raumes bestimmen unseren Alltag. Ohne sie könnten wir keine Kartoffeln schälen und keine Zähne putzen.


Manchmal müssen wir uns diese drei Dimensionen bewusst machen. Wenn wir zum Beispiel ein Haus malen wollen, dann müssen wir versuchen, drei Dimensionen auf zwei herunterzubrechen, das ist gar nicht so leicht, dann wird Malen schon schwierig und kunstvoll. Das kann man lernen und berechnen, aber einfach ist das nicht. Räum-lich sehen und räumlich denken, das brauchen wir, wenn wir unsere Wirklichkeit abbilden wollen und manchmal auch, wenn wir uns in ihr bewegen wollen. Zum Bei-spiel beim Einparken. Da muss ich in meinem Kopf eine Vorstellung des hinter mir liegenden Raumes entwickeln. Aber manche sagen ja, dass wir Männer das ganz gut können.


Drei Dimensionen, so weit, so gut. Albert Einstein hat nun entdeckt, dass zu den drei Dimensionen des Raumes noch eine vierte dazukommt, nämlich die Dimension der Zeit. Das bedeutet: Die Geschwindigkeit, mit der sich Dinge bewegen, nimmt Ein-fluss auf die Gegenstände. Einstein stellte fest, dass Zeit unterschiedlich schnell ver-geht, gemessen an der Geschwindigkeit des Lichts, die immer konstant bleibt. Es wäre also theoretisch möglich, wenn man schneller als das Licht wäre, von einem fernen Planeten den eigenen, Jahre zurückliegenden Raketenstart zu beobachten, also quasi in der Zeit zurückzugehen. Science fiction oder Realität? Nach wissenschaftlichen Maß-stäben Realität, aber so ganz verstehen - können wir das nicht.


Macht nichts, denn wir wissen auch so ganz gut, dass der Zeitfaktor in unserem Le-ben eine wichtige Rolle spielt. Wir merken das ja daran, dass wir altern und vergehen und dass alle Dinge sich dadurch verändern, dass sie mit dem Faktor Zeit in Berüh-rung kommen. Es sind also tatsächlich vier Dimensionen, die unser Leben bestimmen: Raum und Zeit. In diesem Rahmen läuft unsere ganze Wirklichkeit ab.


Wirklich die ganze Wirklichkeit? Gibt es wirklich nur diese vier Dimensionen? Oder gibt es nicht vielleicht auch noch eine fünfte? Ich lese aus dem Brief an die Korinther, wie der Apostel Paulus im Jahre 55 n. Chr. die fünfte Dimension entdeckt:
Wir haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist. Und davon reden wir auch nicht mit Worten, wie sie menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen. Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich beurteilt werden. Der geistliche Mensch aber beurteilt alles und wird doch selber von niemandem beurteilt. Denn »wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen«? Wir aber haben Christi Sinn. (1. Kor 2,12-16)


Das also ist die fünfte Dimension: die Dimension des Geistes. Der Geist Gottes ist in allem und um alle, aber er ist nicht mit weltlichen Maßstäben zu errechnen. Die, die davon nichts verstehen, halten das Gerede von Gottes Geist für Unsinn, einfach weil sie an die Grenzen ihrer geistigen Kapazitäten stoßen. Er ist aber wirklich, der Geist Gottes, sagt Paulus, er ist eine Dimension unseres Lebens, genau wie der Raum und die Zeit. Immer und in allem ist Gott da und prägt unser Sein und unsere Existenz. Genauso wenig wie wir normalerweise Raum und Zeit bewusst wahrnehmen, nehmen wir die Existenz Gottes wahr. Aber sie ist da. Es ist die geistliche Dimension unseres Lebens, die fünfte Dimension unseres Lebens.


Der Gewinn Albert Einsteins besteht darin, die vierte Dimension, die Raum-Zeit-Dimension, rechnerisch nachgewiesen zu haben. Er hat das auf eine Formel gebracht, man kann das Verhältnis von Raum und Zeit in Zahlen erfassen. So weit sind wir in der Kirche leider noch nicht. Aber die geistliche Dimension, von der Paulus spricht, ist vielerorts anerkannt: Auch Physiker verstehen, dass menschliche Existenz mehr ist als ein Raum-Zeit-Geschehen. Sie beschäftigen sich mit der Frage nach einem hinter dem vermuteten Urknall stehenden Schöpfungswillen, weil die Zusammenhänge der Entstehung der Welt so kompliziert sind, dass sie ohne einen ordnenden Willen kaum denkbar scheinen. Auch Physiker sagen, dass es neben der sichtbaren Welt viel Unbe-greifliches und Unerforschliches gibt. Es fängt ja schon mit der Liebe zwischen Men-schen an, die man zwar mit Pheromenen erklären und doch nicht aus der Welt schaf-fen kann.


Eine fünfte Dimension neben unseren vieren? Paulus würde sagen: Klar, die gibt es. Nur fehlt uns noch ein Albert Einstein, der sie bemisst, berechnet und nachweist. Für die geistliche Welt gibt es keine Formel, wir sind da erst einmal noch auf unsere Er-fahrungen angewiesen: auf das Gebet, auf das Lesen der Bibel, auf das Zuhören, wenn Menschen von ihren Erfahrungen mit Gott berichten. Und auf diesem Weg kommen wir schon zu ein paar Angaben über diese fünfte Dimension, was sie macht und was sie bewirkt. Paulus erklärt das so: Jeder Mensch hat einen „Geist“, wir würden es viel-leicht eher Seele nennen. Und dieser Geist ist eine Art „Empfangsstation“ für die Dimension des Göttlichen, sie kann dafür sorgen, dass die fünfte Dimension in unser Leben tritt: „Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist.“ Wenn jemand Gottes Geist empfängt, dann hat er Zugang zur fünften Dimension, dann kann er plötzlich den Zusammenhang verstehen, er kann verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält, er kann Gott verstehen. Aber nicht aus eigener Grübelei, sondern weil ihn der Geist Gottes trifft. Und der trifft, viele von Ihnen haben es schon erfahren, der trifft mitten ins Herz. Will heißen: Er krempelt alles um. Krempelt um, was wir für Zusammenhänge hielten; krempelt um, was wir für wichtig hielten; krempelt um, was wir für wahr hielten; krempelt um, was wir immer schon taten. Als sie aber das hörten, ging's ihnen durchs Herz, und sie sprachen zu Petrus und den andern Aposteln: Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun?


So fragen Menschen, die ihr Leben nicht wieder erkennen, weil es ihnen im Licht der fünften Dimension als ein anderes aufscheint. Der auf dem Thron sitzt und Anfang und Ende von allem ist, setzt die Koordinaten neu. Der hermetisch abgeschlossene Raum meiner kleinen Existenz hat einen Ausgang. Hier geht's raus. Was für eine Wohltat. Hier geht's nach Hause.


In der Physik, liebe Gemeinde, ist die nächsthöhere Dimension immer die, von der aus die anderen erkannt werden können. Wer sich in einer Ebene befindet, sieht die Ausdehnung einer Linie, wer sich im Raum befindet, versteht, was eine Ebene ist, und wer sich in der Raumzeit befindet, der kann von außen auf einen Raum blicken und ihn sogar krümmen. So ist es vielleicht auch mit der fünften Dimension: Erst von ihr aus können wir die anderen vier verstehen. Jesus war ein Kind der fünften Dimension. Er war wohl Mensch wie wir, aber ganz von Gottes Geist, vom Göttlichen erfüllt und ein Bote aus dieser anderen Welt. Er konnte Menschen heilen. Er hatte viel Verständ-nis und empfand große Liebe, gerade für die Armen und Benachteiligten. Er war eine starke Persönlichkeit, stark genug, um dem Tod gegenüberzutreten. Und er kam aus dem Tod zurück, für uns Christen der wichtigste Hinweis darauf, welche Kraft und unausgeschöpfte Möglichkeiten die Welt Gottes hat. Die geistliche Welt, von der Pau-lus spricht, hält viel mehr für uns bereit als irdischen Trost. Da gibt es eine Wirklich-keit, die die Ketten unserer Realität sprengen kann.


Warum so viele Menschen das nicht verstehen, das sogar ablehnen und für Unsinn halten, macht der Vergleich mit Albert Einsteins Relativitätstheorie einleuchtend. Wer versteht die schon? Viel zu schwer, viel zu fremd. Man sagt, es gibt auf der ganzen Welt nur eine Handvoll Wissenschaftler, die die Relativitätstheorie in ihrem vollen Umfang erfassen können. Wie viel komplizierter mag das mit der fünften Dimension sein? Wenn schon die vierte Dimension, die Dimension der Zeit, die ja noch einiger-maßen auf der Hand liegt, so schwierige Fragen aufwirft, wie viel komplizierter würde eine wissenschaftliche Theorie der fünften Dimension aussehen?


Falls es sie denn je gäbe. Denn ich glaube, Gott hat das schon mit Absicht gemacht, dass wir ihn nicht beweisen und wissenschaftlich untermauern können. So bleibt jeder darauf angewiesen, selbst nach ihm zu suchen und auf ihn zu hören. „Wir deuten geistliche Dinge für geistliche Menschen“ so umschreibt Paulus seine Aufgabe. Er kann das tun, weil er den Geist Gottes empfangen hat, nicht, weil er Physik oder Theologie studiert hat. Es ist ganz einfach, sagt er: Empfangstationen einschalten, also Seele öffnen; Sender suchen, also beten; und auf Empfang gehen, also Gott hören, die fünfte Dimension in unser Leben lassen und sie begreifen. Dazu brauchen wir nicht Albert Einstein. Dazu brauchen wir nur, was Gott jedem von uns in die Wiege legte: Ein großes Herz und einen wachen Verstand. Wir brauchen Ohren, um das Wort Got-tes zu hören, Augen, um die Schöpfung in ihrer Schönheit zu sehen und einen Mund, um von den Wundern unseres Gottes zu erzählen. Es ist ganz einfach, aber doch von so gewaltiger Größe. Wer die Wirklichkeit Gottes entdeckt hat, für den ist Albert Ein-stein nur ein weiterer kleiner Mensch, der eines der Wunder Gottes preist.


„Gott wird sichtbar, dort wo die Naturwissenschaftler an die Grenzen des sichtbaren Universums gelangen und über das Wunder unserer Existenz und seiner kosmologischen Voraussetzungen ins Staunen geraten“ – so schreibt einer dieser klugen Köpfe. „Der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.“ So schreibt der Apostel Paulus wenige Zeilen vor unserem Predigttext. Und wir? Wir horchen und staunen, wenn der Geist Gottes in unserem Leben raunt und wir spüren und wissen, dass da mehr ist, viel mehr, als Raum und Zeit zu fassen vermögen. Amen.

 

Jan Freiwald, 4.6.2017