Aktuelle Predigt

Die Brüder Josefs fürchteten sich in Ägypten, als ihr Vater gestorben war, und spra-chen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten.
Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen. (Gen 50, 15-21)

Liebe Gemeinde,
diesen Besuch anlässlich einer goldenen Hochzeit vergesse ich nie, obwohl er schon ein paar Jahre her ist. Nette alte Leute waren das, schon weit über 80. Spät hatten sie geheiratet und nun doch das 50jährige Jubiläum ihrer Hochzeit feiern können. Ir-gendwann kam das Gespräch auf den Krieg. Das waren Jahre, die sie als junge Er-wachsene geprägt hatten. Die besten Jahre mitten im Krieg. Ja, erzählte der Mann, er sei in der Partei gewesen, sogar bei der Gestapo und da wären in seinem Betrieb auch etliche einfach so verschwunden, und er wisse gar nicht, was aus denen geworden ist. Jedenfalls hätte er dadurch auch nach dem Krieg Karriere gemacht und es bis zum Be-triebsleiter gebracht. Heute könnte man ja darüber reden. Es ist ja schon ewig her.
Ewig her ist es auch, dass meine Großmutter mir von meinem Großvater erzählte, der in Berlin Pfarrer und im Krieg auch in den besten Jahren war. Er war nicht in der Partei. Unterm Teppich lagen die Flugblätter der Weißen Rose, zu denen die Ge-schwister Scholl gehörten, die für ihren Kampf gegen die Nazis ihr Leben ließen. Mein Großvater hatte oft Angst. Er musste genau aufpassen, was er wie sagte von der Kanzel herunter. Er weigerte sich, die Hakenkreuzfahne für den Führer ins Fenster zu hängen und wurde verpfiffen. Auch in einer Christengemeinde gab es Spitzel. Sei froh, dass Du das nicht mehr erlebt hast, sagte meine Großmutter. Vergessen hat sie diese Zeit niemals und ihre Enkel sollten darüber etwas erfahren.
Und jetzt saß ich bei netten alten Leuten, die ihre goldene Hochzeit feierten und hat-te keinen Appetit auf Kuchen mehr. Nach Jahrzehnten saßen wir plötzlich auf einem Haufen böser deutscher Geschichte, die nicht vergehen will. Darf sie es denn?
Fragen sind das, die auch Josef und seine Brüder betreffen. Josef war Opfer; von den eigenen Brüdern seiner Kleider beraubt, in eine Zisterne geworfen und an die nächstbeste Karawane als Sklave verkauft. Dem Vater Jakob brach das Herz, als er Josefs mit Tierblut verschmierte Kleider sah und von seinem angeblichen Tod erfuhr. Aber Josef geht nicht unter. Er wird ein wichtiger Mann in Lande Ägypten. Sein Vater erfährt, das er lebt und stirb in Frieden. Jetzt müssen die Brüder zu Josef. Sie hungern daheim und Josef hat volle Kornkammern. So treffen sie sich und stehen nach Jahren vor dem Haufen gemeinsamer böser Geschichte.
Was tun? Wie bewältigt man solche Vergangenheit? Einen Schlussstrich ziehen, sa-gen die einen. Das ist so lange her. Die Zeit heilt alle Wunden. Wirklich? Zum fünf-undzwanzigsten Mal jährte sich unlängst der Tag, an dem in Solingen ein Haus ver-brannte und fünf Menschen mit. Und wie immer zu einem solchen Anlaß wurden Re-den gehalten und gemahnt, so etwas dürfe sich nicht wiederholen. Aber den Hinter-bliebenen der Opfer hilft das nichts. Sie leben für immer in Angst, jedenfalls in unse-rem Land. Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Und die, die mit rechtsnationalen Gedan-ken nichts am Hut haben und sich wünschten, es würde doch endlich einmal Gras dar-über wachsen und Deutschland dürfe sich selbstbewußt auch mal als Nation fühlen - eben so wie bei einer Fußballweltmeisterschaft - die werden von den Nachrichten Tag für Tag auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Und die Tatsache ist nun mal, dass Menschen, die nicht erinnert werden, vergessen.
Vergessen scheint in manchen Ländern Europas, wie viel Leid folgender einfacher Gedanke schon angerichtet hat: Wir als Nation sind besser als die anderen. Und wich-tiger. Die anderen, das sind die, die nicht zu uns gehören. Sie bedrohen uns, wollen uns etwas wegnehmen, wollen unsere Kultur unterwandern, wollen uns zerstören. Al-so müssen wir uns gegen sie schützen. Wir hatten das zwölf Jahre lang schon einmal. Und heute wird mit dieser simplen Unwahrheit wieder Politik gemacht! Da kann ei-nem schlecht werden. Vergessen scheint auch, dass Millionen Menschen in unserem eigenen Volk vor nicht allzu langer Zeit selbst auf der Flucht waren und inständig bet-telten, man möge sie aufnehmen und anständig behandeln, und heute diskutiert man darüber, wie hoch denn die "Quote" sein dürfe, die ein Land an Flüchtlingen "vertra-ge", so dass es ja nicht zu Wohlstandseinbußen kommt. Und wer aus der Lebensgefahr der Meerüberquerung im Schlauchboot gerettet wurde, darf jetzt nicht einmal mehr bei uns an Land.
Schämen müssen wir uns. Und Abbitte leisten bei jedem Flüchtling, den wir treffen, dass wir aus unserer Geschichte nichts besseres gelernt haben. Ja, böse Geschichte muss erinnert und ernstgenommen werden, nicht nur damit sie sich nicht wiederholt, sondern auch damit Wunden wirklich verheilen können. Denn was nur mühsam ver-deckt wird, kommt wieder.
Alles aufdecken, sagen deshalb die anderen. Schonungslos und gründlich. Da ist was dran. Gut, dass das riesengroße Holocaustmahnmal in unserer Hauptstadt gebaut wurde. Obwohl sich Immobilienhaie nach diesem Standort - es gibt fast keinen zentraleren - alle Finger geleckt hatten. Gut, dass auch unsere Politiker - jedenfalls die meis-ten - unsere Geschichte ernstnehmen und sie nicht verleugnen. Allein schon deshalb, weil es bald keine Großmütter mehr geben wird, die ihre Enkel vor dem Ungeheuerli-chen dieser Geschichte warnen können. Sie gehört ins Bewusstsein künftiger Genera-tionen, weil sie ein ganzes Volk betroffen hat und weil die Diktatoren, denen ein Men-schenleben nichts gilt, bis heute nicht ausgestorben sind.
Aber auch das Aufdecken kann übers Ziel hinausschießen. Es kann gewalttätig wer-den. Eine ganze Medienbranche lebt heute davon. Muss wirklich auch noch der letzte Familienkrach, die letzte Ehetragödie, die letzte Gemeinheit auf die Wohnzimmerti-sche von Millionen Fernsehzuschauern und Zeitungslesern? Gehört wirklich jede Sau-erei, die wir von anderen wissen, in das Gespräch am Stammtisch oder den Klatsch über den Gartenzaun? Was wird dadurch gelöst oder heil? Müssen wir uns über die Splitter in den Augen anderer auslassen, damit wir nicht merken, wie sich in unseren Augen die Balken biegen?
Ich finde, es ist besser, manches nicht zu wissen von Menschen, mit denen ich es zu tun habe. Einfach weil etwas, was jemand getan hat, ihm für immer anhaftet. Das ist doch der, der das und das gemacht hat. Man identifiziert Menschen mit ihrer bösen Geschichte. Sie klebt an ihnen wie ein Gesicht, als hätten sie kein anderes, als wäre das ihre Person. Auch so werden Menschen um ihre Zukunft gebracht und vernichtet. Auch so kommt nichts in Ordnung. Und das ist zum Heulen.
So wie Josef heult in unserer Geschichte. So wie Josef trauert in unserer Geschichte. Die Gewalttätigkeit unserer Vergangenheitsbewältigung, dass wir Vergangenheit ent-weder mit Gewalt verdrängen oder mit Gewalt anprangern, kommt davon, dass wir unfähig sind zu trauern. Die Geschichte des Josef zeigt darum einen anderen Weg. Sie zeigt uns die Trauer der Brüder, die späte Trauer der Täter über ihre Schuld und die dadurch kaputten Verhältnisse. Sie zeigt uns aber – man höre und staune – auch die Trauer des Josef. Die Trauer des Opfers über die böse Vergangenheit und die dadurch kaputten Verhältnisse.
Diese Trauer des Josef kann man nicht verordnen. Es ist die Trauer eines weisen und gottesfürchtigen Mannes. Deshalb verweist er seine Brüder auf Gott: "Ihr gedach-tet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen". Josef verweist seine Brüder an den Gott, der sich mit heillosen Zuständen nicht abfindet, sondern seinerseits um sie trauert. Der trauert um die Menschen, die seine Sintflut hinweg-schwemmt, obwohl sie es verdient hatten. Der in Jesus trauert um die Ehebrecherin und ihre offensichtlich kaputten Verhältnisse. Der sich vor sie hinstellt, bis die Steine ihrer Henker in den Sand fallen. Der um die Stadt Jerusalem weint und um die Men-schen, die ihn ans Kreuz schlagen werden. Auch dort bittet er noch für sie.
Die Trauer Gottes, die Trauer des Christus, die Trauer des Josef, sie fließen alle aus der gleichen Quelle. Es ist die Quelle der Liebe Gottes, die sich nicht mit heillosen Zuständen abfinden kann. Die sich nicht damit abfinden kann, dass bei der Bewälti-gung von böser Vergangenheit die Opfer auf der Strecke bleiben. Die sich aber auch nicht damit abfinden kann, dass bei der Aufarbeitung von Schuld die Täter auf der Strecke bleiben. Beiden gilt die Trauer und das Erbarmen des Gottes, der die selig preist, die Unrecht erleiden und doch nicht Lust hat am Tode des Sünders, sondern daran, dass er sich bekehre und lebe.
Daran nimmt Josef Maß. Und deshalb deckt er weder alles auf noch alles zu. Er tut nicht gewaltsam so, als sei nichts gewesen. Er nimmt sich und seinen Brüdern diese Geschichte nicht weg und verdrängt sie. Sie bleibt ihre Geschichte, die sie in ihrer ganzen Gemeinheit und Zerstörungskraft begreifen sollen, damit sie sich nicht wie-derholt und weiter ihr Unwesen treibt.
Und Josef tut auch das andere nicht. Er legt seine Brüder nicht auf diese Geschichte fest. Er sagt nicht: Das seid ihr und so bleibt ihr! Er lässt ihnen ihr Gesicht und das reine Ansehen ihrer Person. Josef gibt sich, seinen Brüdern, ja seinem ganzen Volk die Chance auf bessere Zukunft.
So vergibt Josef seinen Schuldigern, wie Gott uns vergibt. Gott hat alles gut ge-macht. Jetzt ist schlimme Vergangenheit bewältigt ohne Gewalt. Jetzt hat sie ihre Macht über die Gegenwart und Zukunft verloren.
Liebe Schwestern und Brüder, wie viele durch unsere Schuld vergifteten Lebens-verhältnisse warten darauf, aufgearbeitet zu werden? Nicht mit Gewalt, sondern mit Trauer, Erbarmen und Liebe.

 

Jan Freiwald, 24.6.2018