Aktuelle Predigt

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern und Paten, Großeltern und Freunde, liebe Gemeinde,

das Vogelnest, das leer ist, das ist ein schönes Bild für das Erwachsenwerden, und es ist auch ein schönes Bild für die Konfirmation. Die Vogelkinder sind geschlüpft und groß geworden und dann, so wie die Natur es will, sind sie ausgeflogen. Das ist ein bisschen so wie bei euch heute. Auch ihr seid groß geworden  wie groß, das werden ferne Verwandten heute morgen bemerkt haben, wenn sie euch länger nicht gesehen haben: Kind, bist du gewachsen! Ich erkenne dich ja gar nicht wieder. Ja, ihr seid nicht mehr die kleinen Kinder, und an eurer feierliche Kleidung heute sieht man das besonders. Ihr seid stolz darauf, dass ihr ihr seid, dass ihr groß gworden seid, und selbstbewußt wollt ihr die Welt erobern.

Ihr werdet erwachsen und wollt das Nest verlassen, wollt Neues kennenlernen und ausprobieren. Und wie das dann so ist, wenn man seine eigenen Vorstellungen vom Leben entwickelt – man ist auch ab und zu bereit, dafür zu kämpfen. Es wird eng im Familiennest, und manchmal drückt und zwickt es, man rempelt und kämpft um Platz. Und eure Eltern spüren: Ja, es ist so, wie die Natur es will: Ihr verlaßt das Nest und fliegt davon. Ihr löst euch von uns und werdet uns fremder, ihr seid auf der Suche nach eurem eigenen Platz in der Welt.

Manchmal würden wir euch gern festhalten und euch vor mancher schmerzlichen Erfahrung bewahren. Das ist ja schließlich noch gar nicht lange her: Eben noch lagt ihr wie kleine Küken im Nest  so vor dreizehn Jahren , kuschelig weich geborgen. Und wir Erwachsenen waren glücklich und haben so viele Träume in diese kleinen Wesen gelegt. Was wollten wir ihnen nicht alles wünschen? Was wollten wir nicht alles mit ihnen unternehmen? Was wollten wir ihnen auf alle Fälle ersparen?

Ja, ich weiß, wenn man so alt ist wie ihr, dann ist das peinlich, wenn Erwachsene so reden. Aber zu einem Tag wie heute gehört das für eure Eltern und Paten, für Großeltern und Famlie dazu, dass sie auch an die Zeit bis heute zurückdenken. Auch uns von der Kirchengemeinde, die wir euch in diesem dreiviertel Jahr begleitet haben, geht es so..Wie schnell ist doch unsere gemeinsame Zeit vergangen. Eben noch haben wir euch hier mit dem "bunten" Einführungsgottesdienst begrüßt. Da wart ihr noch einiges kleiner an Größe. Ihr habt euch gefragt, was euch alles erwartet auf den Konfiwochenenden, in den Großgruppen, den Kleingruppen. Und heute schauen wir in dieses kleine Nest und sehen: Tatsächlich, es ist leer. Die ehemals Kleinen sind ausgeflogen.

Auch für euch ist dieser Übergang ins Erwachsenenleben nicht gerade leicht. Auch für euch bedeutet das Abschied von den Kindertagen, in denen vieles einfacher war als jetzt. Ihr könnt nicht einfach mehr das tun, was ihr vor zwei oder vier Jahren getan habt, das passt nicht mehr. Wie ihr früher gedacht und geredet habt, und was ihr früher geglaubt habt, das stimmt irgendwie nicht mehr. Und manchmal kommt dann so dieses Gefühl, dass eigentlich gar nichts mehr stimmt. Und dabei kann man sich schon ziemlich allein fühlen. Erwachsenwerden muss man allein, auch wenn viele Leute da sind, die es gut meinen. Ihr selbst müsst den Schritt aus der Kinderzeit tun und ausfliegen. Und manchmal müsst ihr wieder umkehren ins vertraute Nest, weil es draußen noch nicht sicher genug ist, nur um es später wieder und wieder zu verlassen.

Wir feiern Konfirmation, weil wir glauben, dass Gott uns bei diesen Schritten ins Leben hilft. Dass er genau das von uns will, nämlich dass wir losfliegen und erwachsene und mündige Menschen werden. Nicht umsonst ist die Konfirmation in diesem Alter, wo sich so vieles formt und so viel ungewiß ist und so viel Stärke gebraucht wird, auch Nervenstärke bei allen Beteiligten. Die Konfirmation steht für das Wagnis, ins offene Leben hinaus zu fliegen, aber sie steht auch für Gottes festen Willen, euch bei diesem Wagnis zu helfen und euch zu begleiten. Denn nichts anderes bedeutet Segen, und ihr werdet ja heute gesegnet: Gott ist bei dir und hilft dir. Es gibt einen wunderschönen Satz über Gott, der das deutlich macht. Er steht im 5. Buch Mose: Gott geht mit uns um wie ein Adler, der seine Jungen fliegen lehrt: Der scheucht sie aus dem Nest, begleitet ihren Flug, und wenn sie fallen, ist er da, er breitet seine Schwingen unter ihnen aus und fängt sie auf. Ein wunderschönes Bild von unserem Gott, der wie ein Adler ist, der seine Jungen das Fliegen lehrt. Er führt seine Jungen aus und schwebt dabei über ihnen. Er lässt sie nicht aus den Augen und wenn jemand abzustürzen droht, dann kommt er, nimmt sie behutsam und trägt sie auf seinen Flügeln.

Eure ersten Flugversuche habt ihr ja schon hinter euch und dabei auch gemerkt, dass man auch abstürzen kann. Die Klasse, in der man sich einfach nicht wohlfühlt. Die sogenannten Kumpels und Freundinnen, auf die man sich doch nicht verlassen kann. Oder Erfahrungen, dass das Leben auch Schlimmes bereithält. Oder dass es in eine ganz andere Richtung läuft, als man eigentlich möchte. Es ist heute noch ungewiss, wohin euer Leben geht, in welche Richtung ihr euch entfaltet, wie hoch ihr einmal kommt oder wie weit weg, wie schnell ihr von 0 auf 100 durchstartet oder wie dünn die Luft einmal wird. Nicht ausgeschlossen, dass man auch fallen kann. Manchmal einfach so, ohne einen bestimmten Grund. Dann ist es gut zu wissen: Ich werde aufgefangen. Ich spüre Gott an meiner Seite. Mit seiner Hilfe bekomme ich wieder sicheren Boden. Er schwebt über mir wie ein Adler und gibt auf mich acht.

Dafür steht Gott ein. Dafür segnet er euch. Er segnet euch heute, wo ihr vor seinen Altar tretet, und er wird es auch in Zukunft tun, denn er hat es ja auch in der Vergangenheit schon gemacht. Wenn ich mir euch so anschaue, dann muss ich sagen: Ihr habt schon jetzt und bis heute viel Segen mitbekommen! Gott war fleißig mit euch, und heute können wir ihm danken, dass er euch zu solch fröhlichen und menschlichen Persönlichkeiten gemacht hat, die heute hier sitzen. Ihr seid eine Gruppe, in der jede und jeder mit ganz vielen wunderbaren Eigenschaften gesegnet ist, allem voran eure Fröhlichkeit, die so ansteckend ist, dass wir in den vergangenen Monaten viel zu Lachen hatten. Ihr seid eine unglaublich fröhliche und freundliche Gruppe. Ihr seid höflich, ihr seid verständig und lasst euch gerne begeistern, ihr seid empfindsam und trotzdem hart im Nehmen. Ihr seid hilfsbereit und einfühlsam, und ihr singt so gern! Darum werden wir euch auch nachher was singen. Also, wenn wir vom Segen Gottes reden, finde ich, und ich glaube, dass Sie als Eltern und Angehörige mir zustimmen werden, dass Gott es schon jetzt mit jedem und jeder von euch gut gemacht hat. Darum bin ich sicher und glaube fest daran, dass er es auch in Zukunft mit euch gut machen wird.

Jeden Tag deines Lebens wird Gott bei dir sein und dich auf deiner Lebensreise begleiten. Und du kannst hinausfliegen. Du kannst dir auch was zutrauen, weil Gott bei dir ist, wie ein Adler, der seine Jungen das Fliegen lehrt. Darum will dieser Tag heute allen von uns, die noch ein bisschen mehr Lebensmut gebrauchen können, allen, die man manchmal ein wenig antippen muss und allen, die man ganz behutsam, aber bestimmt, aus dem Nest stupsen muss, sagen: Komm! Trau dich! Du kannst fliegen. Es ist so viel Leben in dir. So viel, was Gott dir mitgegeben hat. Lass dich nicht einschüchtern von denen, die  anscheinend  immer vorne sind. Und lass dich auch nicht blenden von denen, die angeblich weiter und höher hinaus können. Deine Zeit kommt. Denn Gott wird mit dir umgehen wie ein Adler, der seine Jungen fliegen lehrt: Der scheucht sie aus dem Nest, begleitet ihren Flug, und wenn sie fallen, ist er da, er breitet seine Schwingen unter ihnen aus und fängt sie auf. Dann lernt mal schön die Kunst des Fliegens. Amen.

29.4.2018 Jan Freiwald