Aktuelle Predigt

Glaube im Alltag

Johannes der Täufer kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden. Er hatte aber ein Gewand aus Kamelhaaren an und einen ledernen Gürtel um seine Lenden; und seine Speise waren Heuschrecken und wilder Honig. Und er sprach zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: Ihr Schlangenbrut, wer hat denn euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Umkehr; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Und die Menge fragte ihn und sprach: Was sollen wir denn tun? Er antwortete und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso. Es kamen auch die Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen denn wir tun? Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! Da fragten ihn auch die Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold! Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber einer, der ist stärker als ich, und ich bin nicht wert, dass ich ihm die Riemen seiner Schuhe löse; der wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. (Lk 3,13-16)

Liebe Gemeinde, Johannes den Täufer würde man heute nirgendwo als Sprecher einladen. Kein Fernsehen würde es riskieren, ihn vor die Kamera zu stellen. Für das Image des Senders wäre er eine Katastrophe. Er trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel und aß Heuschrecken und wilden Honig. Wer würde schon einen solchen Kerl anschauen wollen? Was er sagte, war so grob wie sein Aussehen: eine ungeschminkte, donnernde Herausforderung: Kehrt um, denn Gott ist nahe. Für Johannes zählte nicht, ob man Jude war, Priester, evangelisch oder katholisch oder alles zusammen. Für ihn zählte nur, dass man sein Leben mit Gott in Ordnung brachte.
Nein, Johannes würde heute zu keiner Talkshow eingeladen werden. Diplomatie war nicht seine Stärke. Da strömen die Menschen, um sich taufen zu lassen, und statt leiser Musik, spiritueller Atmosphäre, Bildmeditation und „Gott hat dich lieb, so wie du bist“ – Liedern werden die Leviten gelesen. Sein Taufwasser war nicht lauwarm, sondern eiskalt. Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen hatte er Hunderte von Anhängern. Er war die Attraktion des Jordans, ein Publikumsmagnet. Warum? Wieso haben die Leute so auf ihn reagiert? Am Äußeren kann es wie gesagt nicht gelegen haben. Wanderprediger und wundersame Kauze gab es damals genug. Auch an Geld oder Position lag es nicht, denn er hatte weder das eine noch das andere. Was also war es dann? Ein Wort: Glaubwürdigkeit. Johannes der Täufer war glaubwürdig. Er wußte, dass er ein Werkzeug Gottes war, und er befasste sich voll und ganz mit seiner Aufgabe, nämlich die Men-schen auf Gott vorzubereiten, der in Kürze kommen würde. Alles in seinem Leben war auf diese Aufgabe ausgerichtet, seine Kleidung, seine Ernährung, sein Handeln, seine Forderungen.
Er erinnerte seine Zuhörer an Elia, den großen Propheten. Und er erinnert uns an die Wahrheit, dass Glaubwürdigkeit immer etwas Anziehendes hat. Wir bewundern Menschen, die leben, was sie denken. Wir bewundern Leute, die den Mut haben zu sagen, was sie für richtig erkannt haben, und damit die "Bequemen" herausfordern. Im Hinterkopf sitzt dabei zwar immer diese gemeine Stimme, die sagt: Ui, muss das an-strengend sein, aber insgeheim bewundern wir sie. Bei Johannes war das nicht anders. Er lebte ein herausforderndes Leben, und er hatte Erfolg. Er lebte allerdings auch ein gefährliches Leben, und wurde dafür umgebracht.
Das Geheimnis für seinen Erfolg? Glaubwürdigkeit. Aber wie macht man das: glaubwürdig sein? Indem man sich so verhält, wie es dem eigenen Glauben entspricht. Indem ich im Leben umsetze, was ich glaube. Letztes Wochenende waren wir mit dem Kirchenvorstand dieser Gemeinde auf einem Arbeitswochenende, und dabei ging es genau um diese Frage: Wie kann ich meinen Glauben in meinem Leben umsetzen? Wie lebe ich als Christ, dass andere das auch sehen, dass ich Christ bin? Und dabei kam Erstaunliches heraus. Nämlich dass der Glaube unser Leben mehr prägt, als wir denken. Dass er es aber auch weniger prägt, als wir denken. Was wir tun und wie wir uns entscheiden, auch im Beruf oder in der Freizeit oder der Familie, ist von christlichen Grundsätzen getragen: die zehn Gebote, das Gebot der Nächstenliebe. Das alles haben wir als gute Christen und regelmäßige Predigthörer verinnerlicht. Aber da drin ist es so gut verinnerlicht, dass es von außen fast nicht mehr zu sehen ist. Den Glauben im Alltag zu leben und dabei vielleicht auch mal das Risiko einzugehen, belächelt zu werden, das ist der schwierigere Teil.
Haben Sie sich diese Frage auch schon einmal gestellt: Wie lebe ich meinen Glauben im Alltag? Wenn ja, dann sind Sie dicht dran an dem, was Johannes "Frucht der Umkehr" nennt. Religiösen Menschen war zu allen Zeiten klar, dass eine Umkehr, eine Sinneswandlung hin zu Gott nicht ohne Folgen bleibt. Dasselbe hat übrigens auch Jesus gesagt: Wer den Willen Gottes tut, ist mein Bruder oder meine Schwester. Darum sollten wir, die wir uns Christi Brüder und Schwestern nennen, überlegen, ob wir diesen Faden nicht vielleicht irgendwo verloren haben. Ist mein Glaube nur etwas, das in meinem Inneren stattfindet? Das niemanden sonst etwas angeht? Oh, im besten Fall wissen unsere Angehörigen, Freunde oder Kollegen, dass wir uns zum Glauben und zur Kirche halten. Aber weil damit schon viele nichts anfangen können, strapazieren wir ihre Nerven lieber nicht weiter und gehen Gesprächen über den Glauben aus dem Weg. Wir sind uns selbst genug, und vermeiden mutige Taten.
Wenn das der Fall ist, liebe Schwestern und Brüder, dann hat uns Johannes aber kalt erwischt. Selbstgenügsamkeit steht für ihn nicht zur Debatte. Die Kinder Abrahams können sich nicht darauf verlassen, dass Gott sie schon allein aufgrund ihrer Herkunft annehmen wird. Ja es stimmt, dass wir uns die Liebe Gottes nicht verdienen können durch gute Taten. Nach einem ganzen Jahr Luther haben wir das nun wirklich begriffen. Niemand wird von Gott mehr geliebt, wenn er rechtschaffene Frucht der Umkehr bringt. Das stimmt. Wir können durch gute Taten unser Verhältnis zu Gott nicht besser machen. Aber, liebe Schwestern und Brüder, wir können die Welt besser machen. Und zwar jeder dort, wo er steht. Man muss dazu nicht seinen Beruf wechseln oder ins Kloster gehen. Schon der macht die Welt besser, der tut, was ihm aufgetragen ist. Wer viel hat, soll geben, was er übrig hat und nun wirklich nicht zum Leben braucht. Der Soldat soll die Konventionen achten. Der Beamte an der Zollstation soll nehmen was recht ist. Schon dann macht er die Welt besser. Und Hand aufs Herz: Die Welt besser zu machen, das wollen wir doch alle, und wenn's nur ein klitzekleines Bisschen ist, oder?
Sehen Sie, da hat Jesus, unser Bruder, unser Herr, schon seine Spuren in uns gelegt. Der Christus, auf den Johannes weist, an Weihnachten in unser Leben und unser Herz getreten, schafft sich nämlich Platz in uns, um aus verlorenen, selbstgenügsamen und in sich selbst verkrümmten Menschen einen verantwortlichen, achtsamen, liebevollen, of-fenen und damit an Leib und Seele neuen Menschen zu machen. Er weiß, was für eine träge Masse wir sind. Darum tauft er mit Feuer und Geist. Und sein Feuer und sein Geist hat die Macht, Berge zu versetzen und Herzen zu bewegen. Dieser Beherrscher kann Herzen bekehren, wie wir gesungen haben.
Wir haben dieses Feuer und diesen Geist gespürt. Wir haben durch sie Dinge getan, die wir für unmöglich hielten. Wir haben mutig bezeugt, wir standen achtsam füreinander ein. Wir sahen die Menschen mit Jesu Augen, den Augen der Liebe. Wir teilten das Leid, und wir hielten geduldig eigenen Schmerz aus. Ja, wir können Glaubensgeschichten erzählen. Es ist nicht so, dass der Glaube ohne Folgen bleibt, bei keinem von uns. Denn das Feuer Jesu und seinen Geist kann man nicht aufhalten. Eine Christengemeinde ist der Ort, an dem solche Feuer- und Geistgeschichten erzählt werden, Gott sei Dank. Sie haben keine Helden, aber sie erinnern an den, der die Kraft dafür gegeben hat, damit wir nicht mutlos werden. Lasst uns das immer wieder tun, einander erzählen, wie der Glaube uns bewegt hat, vielleicht gleich nachher beim Kirchenkaffee.
An unserer Glaubwürdigkeit, daran können wir noch arbeiten. Dass man uns auch ansieht, wofür wir stehen. Gelegenheiten dazu gibt es genug, in jedem Moment unseres Lebens. Wir müssen uns dazu nicht kleiden wie Johannes oder unsere Ernährung auf In-sekten umstellen. Wir müssen nur auf den hören, der uns ruft, und hinhören auf das, was er uns sagte bei unserer Taufe und was er uns sagt durch sein Wort und Sakrament. Das andere folgt dann ganz von selbst. Und andere werden uns sehen und unserem Vater im Himmel danken - für uns. Amen.

Jan Freiwald, 21.1.2018